Tabak-Krimi in 10 Akten

Die folgende Geschichte über die Verführbarkeit der Menschen durch gewöhnungsbildende Drogen und die kalkulierte Skrupellosigkeit, sich an dieser Verführbarkeit zu bereichern, ist erst kürzlich bekannt geworden. Sie ist auch noch lange nicht zu Ende, denn es scheint zu einer Pattstellung zu kommen Nikotin, die vermummte Katastrophe von Dr. med. Michael G. Koch (Karlsborg/Schweden) Es ist der Kampf der Erwachsenen um die Freiheit ihrer Kinder von den Zwängen der Suchtentwicklung. Bis der gewonnen sein wird – falls das überhaupt jemals gelingen sollte -, wird die lange Vorgeschichte des grossen Geschäftes mit der Tabaksucht noch mehrmals wieder vergessen werden. Dabei handelt es sich – hier im Stenogrammstil zusammengefaßt – um eine der grössten Rattenfängereien der Menschheitsgeschichte und auf deren Höhepunkt um einen der ungeheuerlichsten Skandale unserer Zeit. Bislang hat dieser zehn Akte.

Tabak-Krimi in 10 Akten

Akt 1: Forschung verbiegen

Es beginnt damit, dass der Chef der Food and Drug Administration (FDA) der USA, Kessler, in der Nationalbibliothek Washingtons das Suchwort „nicotine“ in den Computer gibt. Tausende von Artikeln tauchen auf, die das Nikotin – aus allen denkbaren Perspektiven – als das Gift behandeln, das es ist. Zu allem Überfluß ist es stark suchtbildend. So wirkt es als Auslöser eines Verhaltens, das zu etwa zehn typischen Krebsarten führt (Lunge, Kehlkopf, Zunge, Lippen, Blase, Enddarm usw.) sowie zu einem weiteren Dutzend schwerer, oft tödlicher Krankheiten, die nur Raucher betreffen und ihr Leben im Durchschnitt um etwa neun Jahre verkürzen. Daneben aber gibt es auch Hunderte von Artikeln, die das alles mit fadenscheinigen Argumenten, schlechten Versuchsanordnungen oder unsachlichem Geschwafel zu vernebeln suchen. Kessler untersucht, wie diese merkwürdige „Forschung“ überhaupt zustande kam: durchweg mit Geldern aus den Fonds der amerikanischen Zigarettenindustrie (die ja bekanntlich ihre eigenen Manager verpflichtet, in der Öffentlichkeit zu rauchen; auch das wird in 10 bis 30 Jahren noch Schadenersatzklagen nach sich ziehen). Unabhängige Forscher haben etwas ebenso Merkwürdiges festgestellt: In der wissenschaftlich kontrollierten (peer review, scientific referees), qualitativ abgesicherten publizierten Fachliteratur sprechen etwa 80% der Ergebnisse für die Schädlichkeit des passiven Rauchens. In der weniger zuverlässigen, oberflächlichen und kurzlebigen ad-hoc-Literatur etwa nicht publizierter „Kongress-Rapporte“ und nicht im vollständigen Text vorliegender „Oral presentations“ hingegen sprechen nur 40% dafür1. Der einzige Unterschied ansonsten: Die Fachjournale sind unabhängig, die Kongresse sind zum grossen Teil von der Zigarettenindustrie gesponsert, die natürlich starken Einfluß auf die Auswahl der Beiträge und die Ausführung der Untersuchungen nimmt. Das ist eine zweckvoll verbogene, minderwertige Wissenschaft („junk science“), ganz nah am Wissenschaftsbetrug. Nur nah dran – oder ist es Betrug? Der Tabak in seinem biologischen Umfeld mgk. Der Name Tabak (span. tobaco) ist vermutlich von einem Indianerwort abgeleitet, das die zum Rauchen benutzte Röhre bezeichnete. Die Gruppe der Tabakpflanzen (Nikotiana) mit etwa 100 Arten gehört zu den Nachtschattengewächsen (Solanazeen), zu denen zahlreiche andere giftige Pflanzen gehören. Viele von ihnen enthalten berauschende und gewöhnungsbildende Substanzen, so etwa die «Schweinebohne» (Hyoscamos) des antiken Griechenlands. Nikotin kann schon in geringen Mengen – einige Zigarettenkippen reichen! – für Kleinkinder tödlich sein. Der Tod tritt ein unter Atemlähmung und Herzstillstand. Gifte und Rauschgifte bildeten schon immer ein Kontinuum, da sie viele gefährliche Wirkungen teilen. Fast alle Teile derTabakpflanze (ausser den Samen) enthalten dieses Gift und andere Alkaloide (etwa das Anabasin). Alkaloide gehören zu derselben Stoffgruppe wie das Heroin und andere Opiate. Als Ausgangsbasis für Tabake dienen vor allem die Blätter des Virginia-Tabaks (N. tabacum) und des Bauerntabaks (N. rustica oder Machorka). Beide Pflanzen stammen aus dem tropischen Amerika, sind aber heute über die ganze Welt verbreitet, der Virginiatabak im wesentlichen im Westen und im Orient, der Bauerntabak vor allem in den Ostblockländern (Polen, Russland) und in Asien.

Akt 2: Öffentlichkeit täuschen

Kessler wird neugierig, wie weit die Zigarettenindustrie zu gehen bereit ist, um eine Droge lancieren zu können, deren suchtbildende und tödliche Wirkung dokumentiert und zum Teil auch bekannt ist. Er ist nämlich im Zweifel, ob es sich eigentlich um eine nach den geltenden Gesetzen „verkehrsfähige“ Ware handelt, und vor allem, ob die Zigarettenindustrie als einzige Industrie der USA von der für viele andere Firmen (Arzneimittel-, Automobil-, Motoren-, Kompressoren-, Kraftwerk- oder Flugzeugindustrie) sehr teuren Produkthaftung zu befreien sei. Warum eigentlich? Etwa wegen der manifesten Nikotinsucht einflussreicher Senatoren? Er ist sehr skeptisch geworden gegenüber der Aufrichtigkeit der Zigarettenindustrie und ahnt, dass sie wohl selbst zu kriminellen Methoden zu greifen bereit ist, um ihren Milliardenumsatz zu sichern. Seit Jahren behauptet die Zigarettenindustrie, dass es unmöglich sei, den Teergehalt zu verringern, ohne auch den Nikotingehalt zu senken. Kessler misst nach – in den USA-Zigaretten der letzten Jahre. Ergebnis: reiner Bluff. Das Gegenteil ist der Fall: Der Teergehalt ist kontinuierlich gesunken, der Nikotingehalt hingegen allmählich gestiegen. Also eine bewusste Lüge. Eigentlich gab es dazu keinen Grund (niemand wünscht Teer und Lungenkrebs!), es sei denn, um etwas zu verdecken … Wie im Himmel konnte eigentlich der Nikotingehalt so kontinuierlich steigen?? Neue Tabaksorten?

Akt 3: Sucht erzeugen

Kessler denkt sofort an Genmanipulation – was sonst? Er lässt Legionen von Mitarbeitern der FDA nach allen denkbaren Stichworten in allen Literatur-Registern der Welt suchen. Nichts. Ist keine solche Forschung – nicht einmal von der Zigarettenindustrie – betrieben worden? Äusserst merkwürdig! Man hat ja z. B. auch nach Hanfpflanzen gesucht – und sie an vielen Stellen der Welt (Niederlande, Thailand) auch genmanipulatorisch erzeugt -, die einen höheren THC-(Tetrahydrocannabinol-)Gehalt als der übliche Hanf aufweisen. Das ist gleich mehrfach gelungen. Nunja, die Zigarettenindustrie ist ja nicht gezwungen, ihre Ergebnisse zu publizieren. Also hier kein Erfolg. Nun setzt Kessler eine spezielle Untersuchungskommission aus renommierten Medizinern, Chemikern und Kriminologen zusammen. Seine These: Man hat solche gentechnologisch nikotinverstärkten Tabaksorten entwickelt und begonnen, sie in die Produktion einzuspeisen, und zwar heimlich. Sinn der Maßnahme: mehr Suchterzeugung, grösserer Umsatz, Blockade der Anti-Raucher-Kampagnen der Regierung, der Gesundheitsbehörden und der Ärzteschaft. Auf Nachfrage wird das von der Zigarettenindustrie empört zurückgewiesen: Niemand täte so etwas! Nie! Das wäre ja unmoralisch!

Die Geschichte des Rauchens mgk. Ehe man den Tabak kannte, konnte man ihn natürlich nicht rauchen. Eiserne Pfeifen gab es bereits bei den Kelten. Sicher scheint, dass etwa Gallier und Helvetier schon vor den Römern rauchten. Man fand ihre kleinen, bronzenen Pfeifen. Aber was rauchten sie damals? Vermutlich waren es vor allem Quendel (Feldthymian, Feldkümmel) und Lavendel. Bei den Skythen wurden auch Hanfkörner geraucht. Bei den alten Römern gab es vermutlich bereits die – allerdings seltene – Angewohnheit, etwa Opium oder eventuell auch Hanf zu rauchen. Legionäre dürften diese Unsitte aus dem Orient mitgebracht haben. Das Rauchen hat sich jedoch in der Antike und im Mittelalter offenbar nicht nennenswert verbreitet. Die erste Kunde vom Tabak kam – nach Columbus zweiter Reise – im Jahre 1497 nach Europa. Columbus fand die Sitte des Tabakrauchens bei einigen Indianerstämmen der Karibik, Auch in Nordamerika rauchten manche Indianer Pfeife, in Südamerika dagegen gab es vor allem Kau- und Schnupftabake. Erst im 19. Jahrhundert aber kamen Zigarren und Zigaretten auf. Früh wurde deutlich, dass das Rauchen sehr ungesund war. Dann wurden Anbau und Genuss von Tabak in vielen Ländern verboten – im Orient oder in Russland mit drakonischen Strafen belegt. In England erhob man hohe Abgaben, um den Konsum zu drosseln. Der Papst sprach den Bann aus über den, der mit Schnupftabak in der Kirche erwischt wurde. Dennoch breitete sich der Tabakkonsum – typisch für eine süchtigmachende Substanz – unaufhaltsam weiter aus. Das Rauchen auf der Strasse aber blieb sozialverpönt – in Deutschland etwa war es bis zum Jahre 1848 verboten. Erst ab 1850 kam dann das Rauchen richtig in Mode, und zwar durch die billigeren Zigaretten, die sich auch «der kleine Mann» leisten konnte. Damit kam es erstmalig zum Massenrauchen.

Akt 4: Patent verstecken

 Wenn die Zigarettenindustrie – und davon sind Kessler und seine Leute nach wie vor überzeugt – den Tabak genmanipuliert haben sollte, müsste sie das Produkt auch patentschützen. Man sucht das ganze amerikanische (das billigste!) Patentregister durch: Nichts. Man gibt nicht auf, sucht auch in internationalen Registern: wieder nichts. Man sucht in anderen nationalen Registern: Wo gibt es die meisten Drogen und die meisten Gangster der Welt? Vermutlich in Südamerika. In Brasilien wird man endlich fündig: Dort, ist eine genmanipulatorisch nikotinverstärkte Tabaksorte patentiert – vom amerikanischen Zigaretten-Giganten B & W (Brown & Williamson). Dieses heimliche „amerikanische“ Patent ist also in Brasilien registriert, von Portugal aus beantragt worden und nur in den Niederlanden (!) gelistet (filed), zudem unter verdunkelndem Titel. – Ein typischer Fall von bewusster und sehr aufwendiger (teurer!) „Vermummung“. Sie bezeugt ein sehr schlechtes Gewissen.

Akt 5: Heimlich einführen

Wenn die Zigarettenindustrie – und das ist nun erwiesen – über einen solchen Tabak verfügt, muss dieser irgendwie von Südamerika in die USA geholt werden. Nun beginnt eine intensive Suche in den US-Zoll-Archiven („The walls began to shiver!“), monatelang, ergebnislos. Immer wieder, mit kriminalistischem Spürsinn, exzerpiert man neue Listen, unter allen denkbaren Gesichtspunkten: Zeit, Periodizität, Herkunftsland, Warenkategorie, Mengen, Wert, Adressaten. Dann wird man endlich fündig, auf Seite 4 einer 25seitigen Liste einer einzigen Zollstation: Es heißt nicht etwa „tobaco“ o.ä., sondern „Project Y-1“! Der neugezüchtete Tabak hat mehr als das Doppelte der bisher höchsten Nikotinkonzentration.

Akt 6: Sucht verstärken

Ein abgesprungener Vize-Chef des Zigarettengiganten B & W, Jeffrey Wigand, beginnt zu plaudern. Er bestätigt Kesslers Verdacht. In den verbreiteten Marken Viceroy, Raleigh und Raleigh Light (!) kam der genmanipulierte Tabak bereits zum Einsatz. Die Zigarettenindustrie bewirft ihn mit Schmutz, macht ihn als mythomanen Psychopathen verdächtig. Aber, was er sagt, erweist sich als völlig korrekt. Es kommt noch mehr heraus: Man hat auch mit Ammoniak als Verstärker der Nikotinwirkung gearbeitet (als bräuchte es weitere Schleimhautirritationen!), da auch das den Suchteffekt intensiviert. Diesmal ist das Projekt „vermummt“ durch das Kennwort „Research“. So hat man indirekt den Nikotineffekt erhöht, ehe man die Tabakpflanzen verändert hatte. Auch das geschah heimlich, weil man niemanden mit der Nase auf das stossen wollte, was man in einschlägigen Kreisen sehr wohl wusste: Man verdiente Milliarden mit dem im Grunde unzulässigen Verkauf einer suchtbildenden Droge.

 Akt 7: Forschung vernichten

Wie genau wusste man das? Kessler traf sich heimlich in einer Hotel-Lobby mit dem – vertrauenerweckenden, ruhigen und intelligenten – Chef einer Forschungsabteilung des des Zigarettengiganten Philip Morris. Er hatte bereits seit längerer Zeit gemerkt, dass er auf wissenschaftlichen Kongressen von seinem Arbeitgeber heimlich videogefilmt wurde. In seiner Abteilung nämlich hatte man in Rattenexperimenten bestätigen können, dass die suchterzeugenden Wirkungen von Nikotin sehr gross sind – wie dies auch bei Heroin und Kokain der Fall ist. Das stimmte völlig mit der ubiquitären Erfahrung überein, dass ein starker Raucher in Krisenzeiten lieber das Essen einschränkt als das Rauchen. Damit war Nikotin eigentlich eine illegale Droge. Was tat Philip Morris mit den Befunden? Publizieren, kommentieren? Noch einmal nachuntersuchen, um ganz sicher zu sein? O nein! Man verpasste den Forschem unter finsteren Drohungen einen Maulkorb (den der Leiter der einschlägigen Forschung also abstreifte), machte einfach das ganze Labor dicht und vernichtete alle Versuchstiere.

Akt 8: Hinhaltend reagieren

Nun kommt ein hochpolitischer Drahtseilakt: Kessler trägt das Material an Präsident Clinton heran, der seinen FDA-Chef über alles schätzt und bisher in allem stützte. Das Thema ist superheiss. Einer der zuständigen höchsten Entscheidungsträger kommentiert das so: Zufolge der Beurteilung und infolge der privaten Einstellung (entweder selbst nikotinsüchtig oder: „Jeder sein eigener Idiot – Geld stinkt nicht!“) von zahlreichen hohen Ministern, Lobbyisten, Industriemagnaten, Obersten Richtern und Senatoren gehe dem Präsidenten und seiner Partei „der gesamte Süden der USA verloren“, falls man gegen die Interessen der Zigarettenindustrie vorgehe. Zudem raucht Clinton selbst, wenn auch selten öffentlich. Also – lieber wegschauen? Auf der anderen Seite fürchtet Präsident Clinton sicher den berechtigten und vielleicht fatalen Vorwurf, er habe sich wider besseres Wissen und wider die Ratschläge aller Sachkundigen im Gesundheitswesen (Surgeon General), in Ärztekreisen und -gesellschaften, in den zuständigen Ministerien (DHHS)2, den Drogenbehörden (DEA)3 , den CDC4 und der FDA5 den Interessen skrupelloser – Geschäftemacher gebeugt. Und ausgerechnet jetzt kündigt die WHO6 an, den Kampf gegen den Tabakkonsum weltweit intensivieren zu wollen – mit Kontrollkonventionen und einem 5-Jahres-Aktionsplan „Tabak oder Gesundheit“. Was tun? Clinton zögert noch. Man meint im Moment, er werde den heissen Ball, den Kessler, der jetzt erschöpft zurücktritt, ihm gerade noch zuwarf, mutig (?) weiterrollen. Es wäre eventuell das Ende des Massenrauchens in den USA und ein Todesstoss für die Zigarettenindustrie mit unkalkulierbaren politischen Konsequenzen (Arbeitslosigkeit, Steuereinbussen, Protestwähler?). Und ab etwa 2025 müssten dann auch viele Lungenchirurgen nach neuen Aufgaben suchen.

Akt 9: Prozesse gewinnen

Nun kommen die ersten Gerichtsurteile, eines Bundesbezirksgerichts in North Carolina im April 1997, Bundesrichter William Osteen hat sich der Meinung der FDA angeschlossen, dass es sich beim Nikotin um ein Rauschmittel handele, das staatlicher Kontrolle zu unterwerfen sei. Zigaretten seien von der Industrie als „Instrument der Nikotin-Verabreichung“ entwickelt worden. Das Werbeverbot gegenüber Jugendlichen sei von der FTC7 auszusprechen. Dieses Urteil ist vor allem deshalb ein schwerer Schlag für die drei amerikanischen Zigarettengiganten, weil man den Prozess absichtsvoll in den Staat North Carolina verlegt hatte, in dem grosse Tabakindustrien liegen. Der Richter W. Osteen, der zudem als industriefreundlich gilt, bereitete der Zigarettenindustrie eine herbe Enttäuschung. Das Urteil verschlechtert ihre Rechtsposition in allen im ganzen Lande anhängigen Schadenersatz-Prozessen, die man durch aussergerichtliche Vergleiche beizulegen gedenkt (Milliarden-Fonds für den Verzicht auf weitere Klagen). An der Wall Street sanken die Aktienkurse der grossen Zigarettenhersteller markant. Man meint, dieses Urteil habe den Arm der Regierung beträchtlich gestärkt, den Verhandlungsspielraum der Tabakindustrie hingegen deutlich eingeschränkt. Anfang Mai jedoch wird in Florida ein in seiner Tendenz entgegengesetztes Urteil gefällt: In der Klage der Lungenkrebspatientin Jean Connor gegen die Zigarettenfirma RJ Reynolds entschied eine Jury (die ja in den USA bekanntlich oft andere als juristische Maßstäbe anlegt) zugunsten des Zigarettenherstellers, der also keinen Schadenersatz zu leisten braucht. Aktienkurse und Verkaufsziffern steigen wieder. Da heute 46 Millionen Amerikaner rauchen und rund 400.000 von ihnen jährlich daran sterben, wird von entscheidender Bedeutung sein, wie die anhängigen Verfahren ausgehen werden, in denen etwa 40 amerikanische Bundesstaaten die Zigarettenindustrie verklagt haben, die gewaltigen Kosten der Patientenbehandlung mitzutragen. Eine neue Publikation von Harvard-Forschern, die nachweisen, dass beim Passivrauchen das Herzinfarktrisiko auch für die unfreiwillig mitrauchenden Nichtraucher um bis zu 91% ansteigt, stärken die Position der Gegner des Rauchens weiterhin. Immer konsequenter wird man in Hunderten von Gerichtsurteilen an vielen Arbeitsplätzen die Rechte der Nichtraucher durchsetzen. (Rein wissenschaftlich gibt es hier jedoch allen Anlass zur Vorsicht. Eine tatsächliche Verdoppelung des Infarktrisikos bei Passivrauchern wirkt wenig plausibel – es könnte sich um eine verborgene Co-Korrelation unter den Auswahlkriterien und Arbeitsplätzen der untersuchten Personen, fast ausschliesslich Krankenschwestern, handeln.)

Akt 10: Zuständigkeit abkaufen

Dann kommt es Mitte Juni in den USA zu einem Vergleich, in dem sich die drei grössten Zigarettenhersteller immerhin von vorerst 17 Klagen freikaufen: Sie verpflichten sich, neben erheblichen Einschränkungen vor allem in der Reklame, im Automatenverkauf und in der Anwerbung jugendlicher Raucher, im Laufe von 25 Jahren die schier unvorstellbare Summe von rund 640.000.000.000 DM (368,5 Milliarden US-$) als Beitrag zur Patientenversorgung zu zahlen, danach weitere 26.000.000.000 DM (15 Milliarden US-$) ? jährlich in einen Spezialfonds. Bedingung: keine weiteren Schadenersatzansprüche mehr für Vergangenes, Erschwerung von neuen Klagen. Die Summen, die hier ausgehandelt wurden, würden im Laufe von 40 Jahren für die Anschaffung von etwa 34.000.000 neuen Autos a‘ 30.000 DM ausreichen! Das übersteigt den Jahresetat vieler mittelgrosser Staaten, übertrifft das Bruttosozialprodukt (BSP) etwa Portugals (1993 rund 78 Milliarden US-$) um 660%, das der Schweiz oder Indiens (254 bzw. 261 Milliarden US-$) um rund 125% und lässt selbst das BSP von ganz Kanada hinter sich. Das ist, nicht nur in seiner Grössenordnung, ein in jeder Hinsicht einmaliger Vorgang. Denn es bedeutet, dass selbst die Zigarettenindustrie Schäden in dieser gigantischen Höhe anerkennt. Es handelt sich um einen Betrag, der die jährliche Landesverteidigung Schwedens um etwa das Achtzigfache, die Deutschlands um etwa das Fünfzehnfache übersteigt. Die dann fälligen jährlichen Summen halten denselben Takt. dass man dennoch denkt, mit diesem Geschäft fortzufahren. Man akzeptiert also kaltblütig diesen unvorstellbaren Schadensumfang und kauft sich ganz einfach von der Verantwortung frei. Das Geld dazu liefern die Geschädigten selbst ab, dazu gezwungen durch die bewusst induzierte Nikotinsucht (Nils Bejerot: „artificially induced drive“!), die sie eben auch immer teurere Zigaretten wird kaufen lassen. dass die Zigarettenindustrie trotz dieser enormen Extraaufendungen noch lohnende Gewinne macht. Spätestens jetzt wird deutlich, was am Rauchen tatsächlich verdient wird. Sie hat einen Hybriden aus dem goldenen Kalb und dem Dukatenesel gefunden. Man stelle sich das einmal für eine andere Industrie, etwa für Bäckereien oder Schlachtbetriebe vor: Sie sollen – neben allen ihren anderen Ausgaben noch das Mehrfache der Landesverteidigung aufbringen, zucken nur mit den Achseln, bezahlen das halt auch noch und verkaufen dann ihre Brötchen und Würste etwas teurer … Mit keinem Wort wird geregelt, wie das Geld eingenommen wird, das man sich hier zu zahlen verpflichtet hat. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wird es einfach auf die Käufer abgewälzt werden. Diese müssen eben neben jeder Zigarette gleich etwas vorauszahlen von den Krankenhauskosten, die sie später verursachen werden. Logisch. Die Zigarettenindustrie schaltet sich nur als Einsammler dieses Geldes zwischen Kunde und öffentliche Hand. Was für ein Pyrrhussieg der Prozessgegner! Ob Clinton und der Kongress das durchschauen? Ob sie das überhaupt durchschauen wollen? Der ungeheuerlichste Punkt des ganzen Vergleichs steckt in einer kaum erwähnten und schon gar nicht öffentlich diskutierten Nebenbedingung: Die zuständige amerikanische Behörde FDA darf bis zum Jahre 2009 das suchtbildende Nikotin nicht verbieten, „und auch dann nur, wenn dies nicht dem Entstehen eines Schwarzmarkts Vorschub leistet“ (ein zuverlässiger Widerhaken). Das ist völlig umwälzend, denn es bedeutet, dass die Zigarettenindustrie für eine – von den Rauchern aufzubringende! – hohe Summe einer staatlichen Behörde untersagt, ihres (gesundheitsschützenden) Amtes zu walten. Die sonst so strenge Behörde lässt sich ihre gesetzlich geregelte Zuständigkeit abkaufen und kann auf viele Jahre nicht tun, was sie seit langem für geboten hält. Darin liegt der wirklich grosse Sieg der Tabaklobby: Der Drache FDA liegt gefesselt und festgezurrt auf dem Boden, mit Maulkorb und gestutzten Klauen – Sankt Mammon hat ihn besiegt. Dies nähert sich – indem es obligatorische behördliche Massnahmen aushebelt, auf die der Bürger einen Anspruch hat – dem Tatbestand der Korruption, denn das einzige „Argument“ der Zigarettenindustrie ist die hohe Stillhaltesumme, die sie dem Staat dafür zahlt. Ist das ihr eigentlicher Sieg, so liegt die unfassbare Chuzpe in etwas anderem: Die Tabakproduzenten kaufen sich nicht nur von einer generell gültigen Produkthaftung, von Prozessrisiken und anderen sonst nicht disponiblen Rechtsprinzipien frei, sondern lassen diese rechtswidrige Auslieferung der Raucher an ihre Pusher und Dealer von den Nikotinabhängigen selbst bezahlen. Diese finanzieren also ihre eigene Schutzlosigkeit. Ihr dringend benötigter Gesundheitsanwalt in Gestalt unabhängiger Behörden wird unter ihrer Mitwirkung ausgeschaltet. Nikotin und Suchtbildung mgk. Man hat in neueren Untersuchungen wiederholt nachgewiesen, dass sich der Vorgang der Suchtbildung im Belohnungszentrum des Gehirns abspielt (in der dopaminergen VTA-Region), indem dort die Empfindlichkeit der überstimulierten Zellen auf Reize verstellt wird. Dies wird mit der Zeit irreversibel. Solche Veränderungen wurden in der gleichen Hirnregion für so unterschiedliche Substanzen wie Marihuana/Haschisch, Amphetamin, Kokain, Heroin, Alkohol und Nikotin festgestellt, wobei die Stärke der Gewohnheitsbildung bei Heroin, Kokain und Nikotin am höchsten zu sein scheint. Als Süchtiger reagiert zudem der Tabakkonsument ziemlich preisunempfindlich, das heisst, auf eine Preiserhöhung folgen eine Verdruss- und Schimpfperiode, dann ein Rückgang zum alten Konsumptionsmuster. So haben Regierungen weltweit entdeckt, dass man die Tabakprodukte als etwas schier «Unentbehrliches» mit fast beliebig hohen Abgaben belegen kann. Daher ist der Preis heutiger Zigaretten zum grössten Teil durch Zollabgaben und Tabaksteuer bedingt. Damit verschwindet aber zugleich das echte Interesse an der Drosselung des Tabakkonsums. In Deutschland etwa verdient der Fiskus am Tabak fast dreimal so viel (20.500 Millionen DM!) wie an Wein, Bier, Branntwein und anderen Spirituosen zusammen (7700 Millionen DM). Anmerkungen

1 Die krankmachende Bedeutung des „passiven Rauchens“ kann heute als wissenschaftlich endgültig bewiesen gelten

2 DHHS: Department of Health and Human Services

3 DEA Drug Enforcement Agency

4 CDC: Centers for Disease Control

5 FDA: Food and Drug Administration

6 WHO: World Health Organization 7

 FTC: Federal Trade Commission (Quelle: Zeit-Fragen/Zürich Nr. 10, Oktober 1997, S. 11)

 

Hinweis: Diese Geschichte ist nicht frei erfunden. Die Schilderung basiert auf beweisbaren Fakten und kann von Jedermann nachgeprüft werden. Trotzdem gibt es noch genug dumme Steigbügelhalter der Tabakindustrie, die sich für diese Mörderindustrie, teils für ’nen Appel und ein Ei, prostituieren.

Die Sucht hat sie gefügig gemacht, die Schergen der Tabakmafia. 

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