Kronzeuge der Raucherlobby von der Tabakindustrie bezahlt

Ein Toxikologe erklärt vor dem Verfassunggericht, Passivrauchen sei nicht schädlich. Er gilt als Sachverständiger – der seine Aufträge von der Tabakindustrie erhält.

Es war ein Angriff auf die Gesundheitsforschung der vergangenen Jahrzehnte. Passivrauchen in Gaststätten schade praktisch nicht, sagte der Toxikologe Gerhard Scherer zur Überraschung vieler Zuhörer am Mittwoch vor dem Bundesverfassungsgericht. Scherer war als „sachverständige Auskunftsperson“ geladen.

Denn Deutschlands höchstes Gericht denkt derzeit über jene Gesetze der Bundesländer nach, welche das Rauchen in Gaststätten weitgehend verbieten – zum Schutz der Nichtraucher. Dass Passivrauchen gesundheitsschädlich ist, haben unzählige Forschungsarbeiten längst bewiesen. Umso überraschter waren viele Menschen, als sie von den Ausführungen des Sachverständigen Scherer hörten.

Doch wer einen Blick auf Gerhard Scherers Biographie wirft, ist gar nicht mehr überrascht. Der Biochemiker leitet seit 1988 das Analytisch-biologische Forschungslabor ABF in München. Dieses Labor war eine Forschungseinrichtung des Verbands der Cigarettenindustrie (VdC), bis sein Ruf so ruiniert war, dass der Verband es im Jahr 2002 zur ABF GmbH umfunktionierte. Seither gilt das Labor offiziell als „unabhängig“.

Vernebelungstrategie der Zigarettenindustrie

In wichtigen Dingen hat sich allerdings nicht allzu viel geändert: So ist Gerhard Scherer seit nunmehr 20 Jahren ununterbrochen Chef des Labors. Auch stammt weiterhin ein Großteil der Forschungsaufträge von der Tabakindustrie, wie Scherer im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung einräumte. „Wir sind trotzdem unabhängig“, betonte er. „Als akkreditiertes Labor sind wir verpflichtet, nach exakten Standards zu arbeiten.“

Das ABF ist 1980 als Teil einer umfassenden Vernebelungsstrategie der Zigarettenindustrie gegründet worden. Eigene Forschung sei „zur Erhaltung der sozialen Akzeptanz des Rauchens“ nötig, befanden die Firmen. Die Ziele waren klar: „Die Stoßrichtung der Forschung ist es vornehmlich, wissenschaftliche und politische Meinungen und Entwicklungen in Deutschland zu beeinflussen.“ So steht es in internen Dokumenten der Tabakindustrie, welche diese 1998 öffentlich machen musste, um Regressforderungen zu entgehen. 40 Millionen Seiten sind inzwischen im Internet zugänglich.

In diesen Dokumenten findet sich an zahlreichen Stellen auch der Name von Gerhard Scherer, der mit seinen Arbeiten einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz des Rauchens leisten sollte. Vor 15 Jahren konnte sich Scherer mit diesen Arbeiten sogar habilitieren – am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität München.

Dort arbeitete Elmar Richter, mit dem Scherer gemeinsam im Auftrag der Tabakindustrie forschte. Von 2001 an und noch bis April 2008 leitete Richter das Uni-Institut sogar kommissarisch. Um Mitarbeiter von Universitäten bemüht sich die Industrie bis heute. „Es kommen immer wieder unanständige Angebote“, sagt Dietrich Reinhardt, Dekan der medizinischen Fakultät der Uni München. „Wir sehen solche Zusammenarbeit heute aber nicht nur kritisch, wir sind absolut dagegen.“

Scherers Habilitations-Absichten fand der VdC so bedeutsam, dass sie sogar Eingang in eine Sitzung des „wissenschaftspolitischen Ausschusses“ des VdC vom April 1993 fanden. Die Habilitation zum Thema Passivrauchen werde Zigaretten nicht in einem schlechten Licht erscheinen lassen, versicherte ein Ausschuss-Mitglied dem Protokoll zufolge: Es würden sich „keine Resultate in dieser Arbeit finden, welche nicht Teil eines offiziellen VdC-Projekts waren“.

Die Strategie der Tabakindustrie ging auf. In kaum einem Land hat sie so starken Einfluss auf Wissenschaft und Politik ausgeübt wie in Deutschland. Es gab sogar persönliche Dankschreiben an Kanzler Helmut Kohl. „In den 90er-Jahren hatte die Tabakindustrie wesentliche Teile der deutschen Medizinerelite auf der Gehaltsliste“, sagt der Lungenchirurg Thomas Kyriss von der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen. „Und bei der Erzeugung ihrer Nebelschwaden spielte das Münchner ABF-Labor eine herausragende Rolle.“

Zufriedene Zigarettenlobby

Der VdC war hochzufrieden mit seiner Forschung. Denn sie brachte nur die gewünschten Ergebnisse: Es habe „keinen einzigen Fall gegeben, in dem gegen unseren Willen uns schädigende Erkenntnisse aus unseren Forschungsvorhaben an die Öffentlichkeit getreten“ sind, steht in einem Dokument vom 31. Oktober 1980.

Auch „Herr Dr. Scherer“, heißt es in einem anderen Protokoll vom 8. Februar 2001, „stellte fest, dass sich das Konzept der eigenen proaktiven VdC-Forschung als erfolgreich erwiesen“ habe. Mindestens bis 2002 war Scherer noch „VdC-Betreuer“ mit dem Schwerpunkt „wissenschaftliche Bewertung neu auftretender Vorwürfe“.

Seit nunmehr 20 Jahren setzt sich Scherer als Experte fürs Passivrauchen in Szene. Inhaltlich bleibt seine Argumentation allerdings dünn. So belegte er seine Aussage, Schäden durch Passivrauch in der Gastronomie seien kaum erfassbar, im August 2007 vor dem Landtag Rheinland-Pfalz nur mit etwa zehn Jahre alten Studien.

„Die Ausführungen sind veraltet“, heißt es dazu in einem Arbeitspapier des Deutschen Krebsforschungszentrums. Es sei inzwischen „hinreichend bewiesen“, dass Passivrauchen etwa am Arbeitsplatz „das Risiko von Lungenkrebs, Herzinfarkten und Lungenkrankheiten signifikant erhöht“.

Womöglich haben die Karlsruher Richter von Scherer auch keine allzu große Aussagekraft erwartet. Während sie nach anderen Statements lebhaft Fragen stellten, ließen sie den Münchner ABF-Mann ohne weiteres Gespräch ziehen.

Quelle: http://www.webnews.de/http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/821/180268/

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