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Desinformationskampagnen der Tabaklobby zum Volksentscheid für echten Nichtraucherschutz in Bayern

Wie die Münchner Abendzeitung mitteilte, steigt die Tabaklobby mit sehr viel Geld in die Kampagne gegen den Volksentscheid ein, wofür schon jetzt über 600.000 EUR zur Verfügung stehen. Pro Rauchfrei, Mitinitiator des Volksentscheids, geht davon aus, dass dem Tabakkartell aus renitenten Wirten und skrupellosen Tabakunternehmen, die seit Jahren auch den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DeHoGa) subventionieren, insgesamt über eine Million EUR zur Verfügung stehen werden. Zum Vergleich: Die Initiatoren für einen echten Nichtraucherschutz haben nicht einmal 90.000 EUR in der Kasse.

Mit dieser Finanzmacht und der Aussage „für Toleranz und Freiheit“ soll die Bevölkerung mit Lügen und falschen Behauptungen dazu gebracht werden, den Nichtraucherschutz wieder langfristig aus der Gaststätte zu verdrängen. Schließlich braucht die Tabakindustrie die Gaststätten als Umschlagsplatz für ihre Nikotindroge.

Wir können nur hoffen, dass die Bayern sich nicht von diesen Rattenfängern kaufen lassen und überzeugend wie beim Volksentscheid massenhaft mit JA für einen echten Nichtraucherschutz ohne Ausnahmen stimmen.

Quelle: Pro-Rauchfrei

Denn was passieren kann, wenn sich beim Volksentscheid die Tabaklobby durchsetzt, sollte jedem Bürger klar sein.

Der Herr Bergmüller und sein sauberer VEBWK, (Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur) , der an jenem „Bündnis für Toleranz und Freiheit“ beteiligt ist,  hat bereits im September 2009 mit der Staatssekretärin Melanie Huml weitere Lockerungen vereinbart, die beim Scheitern des Volksentscheids eine vollständige Aufhebung des Nichtraucherschutzes in der Gastronomie zur Folge hätte:

1. „Innovationsklausel“ – Lüftungsanlagen sollen einem Rauchverbot gleichgestellt werden, d.h. überall wo eine Lüftung vorhanden ist, darf wieder geraucht werden (Ob die Lüftungsanlage eingeschaltet oder regelmässig gewartet wird, kontrolliert hinterher eh wieder keiner, bei der Motivaton und Pro-Raucher-Einstellung der Behörden würde wahrscheinlich ein Ventilator ausreichen…)

2. Der Raucherraum müsste nicht zwangsweise der grössere Hauptraum (mit der Schänke) sein, es würde vermutlich ausreichen, eine Besenkammer als Nichtraucherbereich zu deklarieren.

3. Vereinsveranstaltungen wären wieder in weitem Umfang vom Rauchverbot ausgenommen, Raucherclubs würden wieder wie auch schon 2008 wie Pilze aus dem Boden schiessen.

Jürgen Koch, der Schatzmeister des VEBWK, hat ausdrücklich darauf hingewiesen, diesbezüglich vor allem der Presse gegenüber zurückhaltend zu sein, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu giessen.

Hier zeigt sich sehr deutlich, was dieser „Verein“ , bei dem im Hintergund einer der größten süddeutschen Tabakwarengroßhändler die Fäden zieht,  wirklich will:  Erst soll der Volksentscheid zu Gunsten der Tabaklobby ausgehen und anschliessend wird mit den vom Gesundheitsministerium bereits beschlossenen weiteren Lockerungen der Nichtraucherschutz vollständig ausgehebelt.

Jeder Nichtraucher und auch tolerante Raucher sollte sich der heuchlerischen und verlogenen Machenschaften dieses Vereins bewusst sein, und deshalb mit einem klaren  JA! FÜR den echten Nichtraucherschutz  ohne jegliche Ausnahmen stimmen!

Fairness für Raucher – Eine neue Volksverdummungskampagne der Tabakindustrie

Eins der vorrangigen Ziele der Tabakindustrie ist, zu suggerieren, dass Rauchen eine individuelle Verhaltensentscheidung darstellt. Die Irreführung besteht darin, dass die Aktivitäten und Praktiken der Tabakindustrie völlig unberücksichtigt bleiben. Der Mensch trifft Entscheidungen aber nicht in einem Vakuum, er bleibt nicht unbeeinflusst von seiner Umgebung, von Werbung und Marketing.

Die Tabakunternehmen geben 6 Milliarden US $ jährlich aus, um Jugendliche zum Rauchen anzuregen. Sie suggerieren, dass Raucher sexy, attraktiv, erfolgreich, macho, cool und hip sind. In allen Medien verbreiten sie dieses Image – angefangen von einfachen Filmen über Magazine und sogar Comic-Figuren.

„Bundesverein für Genuss in der Gastronomie“, BVGG nennt sich ein Verein, der von der deutschen Tabakindustrie gegründet und gesponsort wurde. Rainer Göhner, Vorsitzender des Bundesverbands der Zigarrenindustrie, ist Begründer dieses Vereiens. Darüber hinaus ist Rainer Göhner Geschäftsführer der Arnold André GmbH & Co. KG, die tödliche Tabakprodukte herstellt und vertreibt.
Der BVGG wird wahrscheinlich massgeblich von Mitgliedern der „Zigarrenplattform“ , dem Verband der Deutschen Zigarrenindustrie, finanziert . Die Zigarrenplattform tritt an, die Tradidion der Volksverdummung durch die Tabakindustrie fortzuführen um damit ihre tödlichen Produkte zu verharmlosen, den Tabakkonsum zu fördern und Umsatz und Gewinn zu maximieren.

Die neueste Kampagne dieses Pro-Nikotin-Konglomerats ist die Aktion „Fairness für Raucher“. Eine Aktion, die offiziell vom BVGG unterstützt wird. Wir sehen hier also erneut ein trojanisches Pferd der Tabakindustrie, die mit allen Mitteln den Absatz ihrer Produkte pushen möchte.

Tabaklobbyismus – Gequassel für den Qualm

Mit absurden Berechnungen torpediert die Berufsgenossenschaft für Gaststätten das Rauchverbot in der Gastronomie.

Wenige Tage bevor das Bundesverfassungsgericht sein Urteil zu den Rauchverboten in der Gastronomie fällt, herrscht erneut Aufregung unter Rauchern, Nichtrauchern, Kneipenbesuchern und Krebsforschern.

Die Rauchverbote beruhten auf falschen Annahmen, verbreitet die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten (BGN) in ihrem Positionspapier „Passivrauchen und Lungenkrebs“; die wissenschaftlichen Grundlagen würden „nicht stimmen“.

Damit bleibt sich die BGN treu. Schon vor einem halben Jahr hat Romano Grieshaber, der Leiter des Geschäftsbereichs Prävention der BGN, die Berechnungen zum Gefahrenpotential des Passivrauchens als „Wissenschaftsharakiri“ bezeichnet. In den Klagen gegen die Rauchverbote wird Grieshaber deshalb gern als akademischer Kronzeuge zitiert.

Das neueste Positionspapier der BGN setzt sich kritisch mit einer Literaturstudie auseinander, die das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität München erstellt hat. In dem Bericht werden Studien aus aller Welt analysiert, die sich mit der Passivrauchbelastung im Gastgewerbe befassen. Das Fazit: Eine langjährige Exposition, wie sie in Diskotheken oder Bierlokalen üblich sei, kann das Erkrankungsrisiko des Personals verdoppeln. Doch die BGN glaubt in den analysierten Studien „Fehlerhaftigkeit“ zu erkennen und legt eigene Modellrechnungen vor.

Ein Beispiel: In einer der Studien, die in den Münchner Literaturbericht eingegangen sind, haben Wissenschaftler der Universität Hongkong bei mehr als 100 Beschäftigten aus dem Gastgewerbe, die selbst nicht rauchen und auch zu Hause keinem Tabakrauch ausgesetzt sind, die Cotininwerte gemessen. Cotinin ist ein Abbauprodukt von Nikotin, das in Blut, Speichel und Urin nachweisbar ist und sich als Biomarker für das Maß der Passivrauchbelastung etabliert hat.

Die Autoren aus Hongkong leiten aus den Messungen ab, dass sich bei Nichtrauchern, die 40 Jahre in verrauchten Kneipen arbeiten, das Risiko, an Lungenkrebs oder einer Herz-Kreislauferkrankung zu sterben, deutlich erhöht.

Daten von chinesischen Kellnern

Die BGN überträgt nun die Daten der chinesischen Kellner auf die gesamte deutsche Bevölkerung und kommt dabei zu folgendem Resultat: „Hiernach müssten in Deutschland von den geschätzten 52 Millionen Nichtrauchern jährlich 156.000 Personen sterben, wenn sie privat einer Exposition wie im Gastronomiebereich ausgesetzt wären.“

Die Zahl klingt absurd hoch. Und sie ist es auch, denn ihrer Berechnung liegt eine „absurde Prämisse“ zugrunde, wie die Epidemiologin Katja Radon sagt, die den von der BGN kritisierten Literaturbericht verfasst hat. Wenn in allen deutschen Privatwohnungen über 40 Jahre jeden Tag stundenlang Dutzende oder Hunderte von Rauchern zu Gast wären, wie dies in vielen Kneipen der Fall sei, so Radon, dann müsste die Zahl der Todesfälle durch Passivrauchen tatsächlich sprunghaft steigen.

Die BGN aber zieht aus ihren Rechenexempeln weitreichende Schlüsse: Wenn man das Rauchverbot in der deutschen Gastronomie durchsetzen wolle, so Isabel Dienstbühl von der BGN, solle man den Mut haben zu sagen, dass es politisch motiviert sei und nicht wissenschaftlich begründet.

Während die international führenden Institutionen auf dem Gebiet der Krebsforschung den Zusammenhang von Passivrauchen und Lungenkrebs als erwiesen ansehen, vermutet die BGN, dass „die Erkrankungsursache Passivrauch bei den Exponierten der Gastronomie gegenüber Nichtexponierten keine Rolle spielt“. Während sich der oberste Vertreter der US-Gesundheitsbehörden nach einer akribischen Auswertung von hunderten Studien im Jahr 2006 für ein umfassendes Rauchverbot am Arbeitsplatz aussprach, hält die BGN die Qualität solcher Übersichtsarbeiten für „fraglich“.

Auf ähnliche Weise wie die BGN hat bislang nur die Tabakindustrie versucht, die Gesundheitsgefahren des Passivrauchens in Zweifel zu ziehen. Das scheint kein Zufall zu sein. Weil die Zigarettenhersteller zur Nahrungsmittelbranche gehören, sitzen die Arbeitgeber und Betriebsräte der Tabakindustrie im Vorstand und in der Vertreterversammlung der BGN. Interne Dokumente der Industrie deuten auf die langjährigen Kontakte hin, die zwischen beiden Seiten bestehen. So heißt es in einem Strategiepapier des Marlboro-Produzenten Philip Morris aus dem Jahr 1993: „Ziel: allgemeine Rauchverbote verhindern. Strategie: Studien auf den Weg bringen, die belegen, dass Maßnahmen im Hinblick auf ETS (Tabakrauch in der Umgebungsluft, Anm. d. Red.) nicht notwendig sind. Die Berufsgenossenschaften als Bündnispartner nutzen.“

Die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten bietet sich als Bündnispartner der Tabaklobby besonders an, weil sie ein Eigeninteresse daran hat, das Passivrauchen als harmlos einzustufen. Andernfalls müsste sie als gesetzliche Unfallversicherung der Beschäftigten im Gastgewerbe womöglich für die Folgekosten beispielsweise von Lungenkrebs aufkommen.

Lungenkrebs als Folge des Passivrauchens eine Berufskrankheit

In Dänemark wurde Lungenkrebs als Folge des Passivrauchens bereits im Oktober 2005 als Berufskrankheit anerkannt; andere Staaten wollen nachziehen. Der BGN-Mann Grieshaber aber warnt eindringlich davor, „aus Volkskrankheiten Berufskrankheiten“ zu machen.

Dadurch würde das Kausalitätsprinzip des Versicherungsrechts zerstört, demzufolge eine Krankheit eindeutig auf eine Ursache zurückgeführt werden muss. „Der Eindruck drängt sich auf, dass unter allen Umständen verhindert werden soll, dass die möglichen Schäden durch Passivrauchen als Berufserkrankung anerkannt werden“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, der Deutschen Krebsgesellschaft und des Deutschen Krebsforschungszentrums zum aktuellen BGN-Papier.

Dabei, glaubt man der BGN, wären die Folgekosten gar nicht besonders hoch. Denn die Zahl der Lungenkrebsfälle unter den Beschäftigten in der Gastronomie ist den Berechnungen der Berufsgenossenschaft zufolge erstaunlich gering. Bei einer Auswertung der Krankendaten von 173712 Köchen und 61827 Kellnern ist die BGN in fünf Jahren nur auf 33 Fälle von Lungenkrebs gestoßen. Dabei waren unter den Personen nicht nur Nichtraucher, sondern auch Raucher. Würde man das Ergebnis auf die deutsche Bevölkerung übertragen, käme man gerade mal auf 1640 Lungenkrebsfälle pro Jahr. Tatsächlich sterben jedes Jahr aber etwa 40000 Bundesbürger an Lungenkrebs.

Wer die Rechenexempel der BGN ernst nimmt, muss sich an dieser Stelle fragen, worin sich die Beschäftigten in der Gastronomie vom Rest der Bevölkerung unterscheiden. Ein Unterschied ist besonders auffällig. Während insgesamt nur jeder dritte Erwachsene in Deutschland zur Zigarette greift, liegt der Raucheranteil im Gastronomiegewerbe laut BGN bei 60 bis 80 Prozent. Daran gemessen ist die niedrige Zahl der Lungenkrebsfälle in der Branche noch verblüffender. Mit anderen Worten: Die Daten der Berufsgenossenschaft taugen dazu, den statistischen Nachweis zu führen, dass Rauchen vor Lungenkrebs schützt. Wendet man die Modellrechnungen der BGN auf ihre eigenen Daten an, könnte man auch sagen: Wenn alle Deutschen in der Gastronomie arbeiten würden, müsste sich die Zahl der jährlichen Todesfälle durch Lungenkrebs um 95 Prozent verringern.

Es fehlt noch eine Veröffentlichung

„Wenn die Krankendaten der BGN stimmen, sind sie eine Weltsensation“, lästert Michael Pfeifer von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie. Er würde sich die Daten gern einmal genauer ansehen. „Schließlich lässt sich die Qualität der Daten erst dann wirklich beurteilen, wenn sie in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurden.“ Eine solche Veröffentlichung fehlt aber bis heute.

Das hat die BGN jedoch nicht davon abgehalten, ihre Warnungen vor der „Passivrauchhysterie“ (Grieshaber) auf ihrer Homepage zu veröffentlichen. Auch die Kritik an dem Literaturbericht des Münchner Universitäts-Instituts wurde Anfang Juli per Internet in Umlauf gebracht. Dabei gibt es noch gar keine endgültige Fassung der kritisierten Münchner Studie. Es sei „bedauerlich, dass ein Zwischenbericht öffentlich kommentiert wird, obwohl der Endbericht noch nicht vorliegt“, so der Auftraggeber der Studie, der Dachverband der gesetzlichen Unfallversicherungen.

Das sieht man beim Netzwerk Rauchen ganz anders. „Herrlich“, freut sich ein Mitglied dieses Raucher-Verbands über das BGN-Papier, „das ist eine öffentliche Hinrichtung. Und der Zeitpunkt der Veröffentlichung war doch sicherlich auch kein Zufall…“ Offenbar hoffen die Gegner der Rauchverbote in der Gastronomie darauf, dass sich das Bundesverfassungsgericht von den Verlautbarungen der BGN beeindrucken lässt. Wenn am Mittwoch in Karlruhe das Urteil verkündet wird, wird sich zeigen, ob diese Hoffnung berechtigt war.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wissen/751/303732/text/

Anmerkung der Redaktion: Das Bundesverfassungsgericht wurde von Materialien des „Netzwerks-Rauchen“ förmlich bombardiert. In ihrem Urteil zitieren die Verfassungsrichter unter anderem die Studien des Deutschen Krebsforschungszentrums. Andere „wissenschaftliche „Aussagen zur Gefahr des Passivrauchens, wie etwa die des Tabakindustrietoxikologen Scherer wurden vom Bundesverfassungsgericht ins Reich der Märchen verwiesen. Der Gesetzgeber ist laut dem Bundesverfassungsgericht zurecht gegen die schweren Gesundheitsgefahren des Passivrauchens gesetzlich vorgegangen.
Der Schutz der Bevölkerung vor dem Passivrauchen sei ein „überragend wichtiges Gemeinwohlziel“, so die Richter. Deshalb sei auch ein absolutes Rauchverbot in allen öffentlichen Gaststätten verfassungsgemäß.

Kronzeuge der Raucherlobby von der Tabakindustrie bezahlt

Ein Toxikologe erklärt vor dem Verfassunggericht, Passivrauchen sei nicht schädlich. Er gilt als Sachverständiger – der seine Aufträge von der Tabakindustrie erhält.

Es war ein Angriff auf die Gesundheitsforschung der vergangenen Jahrzehnte. Passivrauchen in Gaststätten schade praktisch nicht, sagte der Toxikologe Gerhard Scherer zur Überraschung vieler Zuhörer am Mittwoch vor dem Bundesverfassungsgericht. Scherer war als „sachverständige Auskunftsperson“ geladen.

Denn Deutschlands höchstes Gericht denkt derzeit über jene Gesetze der Bundesländer nach, welche das Rauchen in Gaststätten weitgehend verbieten – zum Schutz der Nichtraucher. Dass Passivrauchen gesundheitsschädlich ist, haben unzählige Forschungsarbeiten längst bewiesen. Umso überraschter waren viele Menschen, als sie von den Ausführungen des Sachverständigen Scherer hörten.

Doch wer einen Blick auf Gerhard Scherers Biographie wirft, ist gar nicht mehr überrascht. Der Biochemiker leitet seit 1988 das Analytisch-biologische Forschungslabor ABF in München. Dieses Labor war eine Forschungseinrichtung des Verbands der Cigarettenindustrie (VdC), bis sein Ruf so ruiniert war, dass der Verband es im Jahr 2002 zur ABF GmbH umfunktionierte. Seither gilt das Labor offiziell als „unabhängig“.

Vernebelungstrategie der Zigarettenindustrie

In wichtigen Dingen hat sich allerdings nicht allzu viel geändert: So ist Gerhard Scherer seit nunmehr 20 Jahren ununterbrochen Chef des Labors. Auch stammt weiterhin ein Großteil der Forschungsaufträge von der Tabakindustrie, wie Scherer im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung einräumte. „Wir sind trotzdem unabhängig“, betonte er. „Als akkreditiertes Labor sind wir verpflichtet, nach exakten Standards zu arbeiten.“

Das ABF ist 1980 als Teil einer umfassenden Vernebelungsstrategie der Zigarettenindustrie gegründet worden. Eigene Forschung sei „zur Erhaltung der sozialen Akzeptanz des Rauchens“ nötig, befanden die Firmen. Die Ziele waren klar: „Die Stoßrichtung der Forschung ist es vornehmlich, wissenschaftliche und politische Meinungen und Entwicklungen in Deutschland zu beeinflussen.“ So steht es in internen Dokumenten der Tabakindustrie, welche diese 1998 öffentlich machen musste, um Regressforderungen zu entgehen. 40 Millionen Seiten sind inzwischen im Internet zugänglich.

In diesen Dokumenten findet sich an zahlreichen Stellen auch der Name von Gerhard Scherer, der mit seinen Arbeiten einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz des Rauchens leisten sollte. Vor 15 Jahren konnte sich Scherer mit diesen Arbeiten sogar habilitieren – am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität München.

Dort arbeitete Elmar Richter, mit dem Scherer gemeinsam im Auftrag der Tabakindustrie forschte. Von 2001 an und noch bis April 2008 leitete Richter das Uni-Institut sogar kommissarisch. Um Mitarbeiter von Universitäten bemüht sich die Industrie bis heute. „Es kommen immer wieder unanständige Angebote“, sagt Dietrich Reinhardt, Dekan der medizinischen Fakultät der Uni München. „Wir sehen solche Zusammenarbeit heute aber nicht nur kritisch, wir sind absolut dagegen.“

Scherers Habilitations-Absichten fand der VdC so bedeutsam, dass sie sogar Eingang in eine Sitzung des „wissenschaftspolitischen Ausschusses“ des VdC vom April 1993 fanden. Die Habilitation zum Thema Passivrauchen werde Zigaretten nicht in einem schlechten Licht erscheinen lassen, versicherte ein Ausschuss-Mitglied dem Protokoll zufolge: Es würden sich „keine Resultate in dieser Arbeit finden, welche nicht Teil eines offiziellen VdC-Projekts waren“.

Die Strategie der Tabakindustrie ging auf. In kaum einem Land hat sie so starken Einfluss auf Wissenschaft und Politik ausgeübt wie in Deutschland. Es gab sogar persönliche Dankschreiben an Kanzler Helmut Kohl. „In den 90er-Jahren hatte die Tabakindustrie wesentliche Teile der deutschen Medizinerelite auf der Gehaltsliste“, sagt der Lungenchirurg Thomas Kyriss von der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen. „Und bei der Erzeugung ihrer Nebelschwaden spielte das Münchner ABF-Labor eine herausragende Rolle.“

Zufriedene Zigarettenlobby

Der VdC war hochzufrieden mit seiner Forschung. Denn sie brachte nur die gewünschten Ergebnisse: Es habe „keinen einzigen Fall gegeben, in dem gegen unseren Willen uns schädigende Erkenntnisse aus unseren Forschungsvorhaben an die Öffentlichkeit getreten“ sind, steht in einem Dokument vom 31. Oktober 1980.

Auch „Herr Dr. Scherer“, heißt es in einem anderen Protokoll vom 8. Februar 2001, „stellte fest, dass sich das Konzept der eigenen proaktiven VdC-Forschung als erfolgreich erwiesen“ habe. Mindestens bis 2002 war Scherer noch „VdC-Betreuer“ mit dem Schwerpunkt „wissenschaftliche Bewertung neu auftretender Vorwürfe“.

Seit nunmehr 20 Jahren setzt sich Scherer als Experte fürs Passivrauchen in Szene. Inhaltlich bleibt seine Argumentation allerdings dünn. So belegte er seine Aussage, Schäden durch Passivrauch in der Gastronomie seien kaum erfassbar, im August 2007 vor dem Landtag Rheinland-Pfalz nur mit etwa zehn Jahre alten Studien.

„Die Ausführungen sind veraltet“, heißt es dazu in einem Arbeitspapier des Deutschen Krebsforschungszentrums. Es sei inzwischen „hinreichend bewiesen“, dass Passivrauchen etwa am Arbeitsplatz „das Risiko von Lungenkrebs, Herzinfarkten und Lungenkrankheiten signifikant erhöht“.

Womöglich haben die Karlsruher Richter von Scherer auch keine allzu große Aussagekraft erwartet. Während sie nach anderen Statements lebhaft Fragen stellten, ließen sie den Münchner ABF-Mann ohne weiteres Gespräch ziehen.

Quelle: http://www.webnews.de/http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/821/180268/

Forschen schadet Ihrer Gesundheit

Der Sozialwissenschaftler Peter Atteslander ist ein angesehener Fachmann für Präventionsfragen – dabei liess er sich jahrelang von der Tabakindustrie für seine angebliche Unabhängigkeit bezahlen. Er bestreitet die Vorwürfe der verdeckten Lobbyarbeit, doch die Fakten lassen sich nicht vernebeln.

Auch in der Welt der Wissenschaft gibt es Bestseller. So hat es ein Buch mit dem spröden Titel «Methoden der empirischen Sozialforschung» von 1968 bis 2003 auf zehn Auflagen mit über 100000 Exemplaren gebracht. Bis heute gehört der Band für viele Studenten zur Pflichtlektüre in Sachen Interviewführung oder Stichprobenbildung. Autor des Standardwerks ist der 1926 in Gänsbrunnen (Kanton Solothurn) geborene Soziologe Peter Atteslander. Weil er im Laufe seiner Karriere den Problemen der Gesundheitsförderung besondere Bedeutung beigemessen hat, bezeichnet sich Atteslander gelegentlich als «Sozialforscher im Bereich der Präventivmedizin». Von einem Experten für den vorbeugenden Gesundheitsschutz kann man erwarten, dass er keine allzu grossen Sympathien für das Rauchen hegt. Darum klang es wie ein schlechter Scherz, als Atteslander Anfang 2001 in einem amerikanischen Forschungsbericht als «archetypischer Berater der Tabakindustrie» tituliert wurde.

Verfasser der Studie waren der Medizinprofessor Stanton Glantz von der University of California und sein damaliger Student Chung-Yol Lee, der heute als Abteilungsleiter am Berner Bundesamt für Gesundheit tätig ist. Ihr Bericht beruhte auf einer Auswertung von internen Unterlagen der Zigarettenindustrie. Zunächst schien kaum jemand die Vorwürfe gegen Atteslander ernst zu nehmen. Noch im selben Jahr verlieh ihm die Johannes-Kepler-Universität Linz den Titel eines Ehrendoktors. Im März 2001 veröffentlichte die Neue Zürcher Zeitung eine Laudatio auf ihren langjährigen Kolumnisten aus Anlass seines 75. Geburtstages. Zum Eklat kam es erst, als die US-Studie einige Monate später in einem Editorial des Swiss Medical Forum zitiert wurde. Im Januar 2004 warf Atteslander seinen Kritikern öffentlich vor, ihn mit «abenteuerlichen Behauptungen» zu verleumden.

Ist der international renommierte Sozialwissenschaftler das Opfer einer Rufmordkampagne geworden?

Horch, was «die Antis» tun

Worum es geht, kann jeder Internetnutzer nachprüfen, denn die Unterlagen, auf die sich Lee und Glantz berufen, sind allesamt online abrufbar. Aus den Dokumenten geht hervor, wie eng Wissenschaftler in aller Welt mit der Tabakindustrie und den von ihr finanzierten Stiftungen zusammengearbeitet haben. «Big Tobacco» war ein ebenso spendabler wie diskreter Geldgeber, wenn es um die Förderung von Forschungsprojekten oder die Veranstaltung von Kongressen ging. Hatte ein Akademiker seine besondere Loyalität gegenüber der Branche unter Beweis gestellt, bekam er die Chance, in den Kreis ihrer «Berater» aufzusteigen. Zu ihnen gehörte auch Peter Atteslander. Seinen eigenen Angaben zufolge war er von 1988 bis 2001 für die Vereinigung der Schweizerischen Zigarettenindustrie und die Philip-Morris-Niederlassung in Neuenburg tätig. Im März 1990 stellten drei Manager des Marlboro-Produzenten ein Arbeitsprogramm für Atteslander zusammen, das auf einem fünfzigseitigen Strategiepapier des Soziologen basierte. Die Liste seiner Aufgaben enthielt unter anderem folgende Punkte: «- Verteidigung der Industrieinteressen als unabhängiger Wissenschaftler gegenüber dritten Parteien (z.B. dem Gottlieb Duttweiler Institut) […] – Beschaffung nützlicher Informationen über dritte Parteien […] – Analyse der Antriebskräfte und Infiltrationsmethoden der Antis» (gemeint sind die Gesundheitsschützer). Die Budgets, die dem Berater zur Verfügung gestellt wurden, summieren sich in den Jahren 1991 bis 2000 auf einen Gesamtbetrag von mehr als 500000 Schweizer Franken.

Atteslander legt heute Wert auf die Feststellung, dass dieser Finanzetat nicht mit seinen effektiven Bezügen übereinstimmte. Die Abrechnung der Gelder erfolgte über das Londoner Büro der amerikanischen Anwaltskanzlei Shook, Hardy&Bacon. Zusätzlich zu den persönlichen Honoraren machte der Professor eine Reihe von Extrabeträgen geltend. So verlangte er im Januar 1992 exakt 39834,80 DM für die Bezahlung seiner Assistentin an der Universität Augsburg, wo er seit 1972 einen Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung innehatte. Als das Anwaltsbüro zögerte, die Rechnung zu begleichen, schaltete sich der Philip-Morris-Mann Helmut Gaisch ein. Nur dank der Übernahme der Lehrverpflichtungen durch seine Untergebene sei Atteslander dazu in der Lage, so Gaisch, sich als «Lobbyist, Berater und Experte innerhalb der EU, der WHO und der deutschen Regierung für die Interessen von Philip Morris einzusetzen».

Sabotage der WHO

Wie diese Lobbyarbeit konkret ablief, zeigt das Beispiel der Weltgesundheitsorganisation. Ende 1988 hatten Topmanager der Zigarettenbranche im sogenannten «Boca Raton Action Plan» den Entschluss gefasst, das Tabakkontrollprogramm der WHO zu sabotieren. Zu diesem Zweck sollten eigene Berater als vermeintlich unabhängige Fachleute in die Gesundheitsorganisation eingeschleust werden. Peter Atteslander hatte dank seines Renommees als Lehrbuchautor offenbar keine Mühe, an Einladungen zu WHO-Konferenzen heranzukommen. Nachdem er im November 1991 einen Kongress zum Thema «Public Health in the Year 2000» besucht hatte, informierte er seine Leute bei der Tabakindustrie über «die zu erwartenden Aktivitäten» der Gegenseite. Als ein Jahr später eine Folgekonferenz stattfand, beantragte Atteslander bei dem Londoner Anwaltsbüro die Übernahme seiner Reisekosten, um seine Kontakte zur WHO vertiefen zu können. Wie wichtig diese Kontakte für die Industrie sein konnten, sollte sich schon kurze Zeit später erweisen. Im April 1993 erfuhr der Soziologe während eines Aufenthalts in Peking, dass die chinesische Regierung eine landesweite Untersuchung plante, um den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu erfassen. Nach seiner Rückkehr plädierte er gegenüber dem Philip-Morris-Konzern für einen Eingriff in das laufende Forschungsprogramm und bot von sich aus an, bei der «Beschaffung und Überprüfung des Fragebogens» behilflich zu sein. In der Folge schrieb Atteslander mehreren Repräsentanten der WHO und erkundigte sich nach Details der China-Studie. Für wen die Informationen gedacht waren, erwähnte er in seinen Briefen nicht. Im August 1995 konnte er nach einem weiteren China-Besuch vermelden, dass die Regierung lediglich an Planungsgrundlagen für die medizinische Infrastruktur interessiert war und «Anti-Raucher-Kampagnen nicht auf der Prioritätenliste stehen». Auch die Mitteilung, dass es sich bei der Pekinger Vertretung «um ein völlig ineffektives Aussenbüro der WHO handelt», war für die Tabakleute eine gute Nachricht. China gilt für die Zigarettenhersteller als Markt der Zukunft, seit sie in den westlichen Industriestaaten empfindliche Umsatzeinbussen zu verzeichnen haben.

Im Innern des Zitierkartells Atteslanders Karriere als Industrieberater ist nicht immer gradlinig verlaufen. Vor allem zu Beginn hatte er grosse Mühe, die Tabakmanager von seinen Qualitäten zu überzeugen. Als er 1989 ein Gegengutachten zu der Broschüre «Rauchen und Sterblichkeit in der Schweiz» vorlegte, meldeten sich Vertreter vom bundesdeutschen Verband der Cigarettenindustrie (VdC) zu Wort. Ihrem Leseeindruck nach hatte der Experte seinen Kommentar in einem Stil verfasst, «der aus der Feder von PM [Philip Morris] stammen könnte». Das war kein Lob, sondern ein Tadel. Auch die Mitarbeiter von Shook, Hardy&Bacon waren nicht immer mit Atteslanders Verlautbarungen zufrieden: «Er wird selten konkret und braucht zu lange, um vage Dinge zu erläutern», heisst es in einer vertraulichen Mitteilung der Anwaltskanzlei über den Hang des Professors zur Weitschweifigkeit. Wer die Idee hatte, aus dieser Schwäche Atteslanders eine Stärke zu machen, ist unklar. In Frage kommt der PM-Manager Jean Besques, der von der Wirksamkeit der «indirekten Kritik» überzeugt war. Gemeint ist damit der Kunstgriff, die Argumente der «Antis» nicht frontal zu attackieren, sondern sie eher beiläufig im Rahmen allgemeiner Erörterungen anzugreifen.

«Macht Arbeit krank?», «Prävention als Risiko?», «Epidemiologie als Demoskopie» – unter derart unverfänglichen Überschriften hat Atteslander serienmässig Texte in Absprache mit der Zigarettenindustrie produziert. Darin tritt er wortreich als Verteidiger von Prinzipien auf, die niemand ernsthaft in Frage stellt. Er plädiert gegen «Überreglementierung» und für «Selbstverantwortung», gegen «Fehlinvestitionen» und für «Vernunft». Erst wenn der Autor in einer Nebenbemerkung illustriert, was er für vernünftig hält, kommt er zur eigentlichen Hauptsache. Die Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Krebs sei ein ungeheuer komplexer Vorgang, hier einen einzelnen Risikofaktor wie das Rauchen hervorzuheben, sei eine unzulässige Vereinfachung. O-Ton Atteslander: «Tabaktote kommen eher in den Medien vor als in ernsthaften epidemiologischen Studien.» Wenn Atteslander in seinen Publikationen die Bemühungen um den Nichtraucherschutz in Frage stellte, verwies er gerne auf ähnlich lautende Stellungnahmen namhafter Statistiker wie Martin Rutsch (Universität Karlsruhe), Berthold Schneider (Medizinische Hochschule Hannover), Karl Überla (Ludwig-Maximilians-Universität München).

Dass auch seine akademischen Kronzeugen Gelder von der Zigarettenindustrie bezogen, erfuhren Atteslanders Leser nicht.

Diese Zitierpolitik war kein Zufall, sondern Teil einer Branchenstrategie, die unter dem Codenamen «European witness development» firmierte. Sie zielte darauf ab, industriefreundliche Experten in ein internationales Netzwerk einzubinden. Es war eine der Aufgaben Atteslanders, dieses Netzwerk zu pflegen und zu erweitern. Gemeinsam mit Managern und anderen Industrieberatern hat er einschlägige Veröffentlichungen geplant und Veranstaltungen organisiert.

Eine von den Tabaklobbyisten gern genutzte Tagungsreihe waren die «Gesundheitsgespräche» des Europäischen Forums Alpbach. Im Jahr 2000 wurden Beiträge zu dieser Gesprächsrunde in einem Sonderheft der Zeitschrift Das Gesundheitswesen abgedruckt. Atteslander hatte hierfür mit Johannes Gostomzyk, dem Schriftleiter der Fachzeitschrift, den VdC um einen Druckkostenzuschuss gebeten. Gostomzyk hatte bereits zuvor als Leiter des Augsburger Gesundheitsamts Forschungsgelder vom deutschen Branchenverband bezogen. Zudem gehörte er laut Briefkopf zeitweilig zur wissenschaftlichen Leitung der Arbeitsgruppe Gesundheitsforschung, über die Atteslander die Mehrzahl seiner Arbeiten für die Tabakindustrie abgewickelt hat.

Gostomzyk ist heute Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention.

«Was wollen Sie eigentlich?»

Die Adressaten der Gutachten, die von dem Expertenzirkel im Auftrag der Tabakindustrie erstellt wurden, waren die politischen Entscheidungsträger. Der Politik sollte der Eindruck vermittelt werden, dass industriekritische Studien unter Fachleuten umstritten sind und es deshalb viel zu früh ist, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Atteslander nannte das «Forschung für externe Wirkung». Im September 1992 begründete er in einem Brief an Philip Morris, warum er ein noch ungedrucktes Manuskript für die Fachzeitschrift Soziale Welt an den zuständigen EU-Kommissar und einen Ministerialrat im Bonner Forschungsministerium geschickt hatte: «damit die erwünschte Wirkung nicht auf die wahrscheinlich erst in Monaten zu erwartende Veröffentlichung warten muss». Denselben Effekt sollten auch Atteslanders persönliche «Interventionen» erzielen. Als am 17. Januar 1990 in Bern Vertreter der Schweizer Gesundheitsbehörden mit Repräsentanten der Zigarettenindustrie zusammenkamen, war der Soziologe als Sachverständiger eingeladen. In seinem Redebeitrag nahm er sich viel Zeit, um generelle Fragen zu den Prioritäten und Perspektiven der Gesundheitspolitik zu stellen, bis schliesslich Franz Wyss, der Zentralsekretär der Schweizerischen Sanitätsdirektorenkonferenz, die Geduld verlor und ihn mit dem Zwischenruf unterbrach: «Was wollen Sie denn eigentlich?» Darauf Atteslander betont gelassen: «Ich will nur eine Antwort auf meine Fragen. Aber es sieht so aus, als hätte ich da einen wunden Punkt getroffen…» Im Sitzungsprotokoll des Zigarettenverbands wird der weitere Gesprächsverlauf wie folgt geschildert: «Atteslander hat es geschafft, Wyss total in Rage zu bringen – Wyss ist laut geworden und hat ziemlich beleidigende Ausdrücke benutzt.» Die Genugtuung, die hier mitschwingt, erklärt sich aus dem Umstand, dass ein hoher Beamter des Innenministeriums Zeuge des Vorfalls geworden war. Einmal mehr hatte der Industrieberater unter Beweis gestellt, dass «Antiraucher-Fundamentalisten» zu «vordergründiger Polemik» neigen, statt – wie er selber – sachlich und ausgewogen zu argumentieren. Weil Wyss seine Unabhängigkeit in Frage gestellt hatte, beschwerte sich Atteslander nachher schriftlich bei dessen Vorgesetzten: «Mich als ‹Vertreter der Tabakindustrie› zu bezeichnen, muss ich ablehnen.»

Rauchzeichen aus der Mensa

Im Katalog der Aufgaben, die Atteslander für Philip Morris erfüllen sollte, findet sich auch der Punkt «wissenschaftliche Arbeit mit Studenten». Inwieweit der Professor seine Lehrveranstaltungen dazu genutzt hat, Nachwuchs für den Tabakkonzern zu rekrutieren, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Fest steht aber, dass er Studenten in ein «Feldexperiment» einbezogen hat, das mit seiner Beratertätigkeit in Zusammenhang stand. Dabei sollte beobachtet werden, was passiert, wenn sich jemand im Nichtraucherbereich der Augsburger Uni-Mensa eine Zigarette anzündet. Das Ergebnis überraschte: Nur 2 der 27 Testpersonen beschwerten sich, obwohl 18 von ihnen im anschliessenden Interview meinten, sie hätten sich durch den Rauch gestört gefühlt. Atteslander zog daraus weitreichende Schlüsse: Es sei ein «Missbrauch von Sozialdaten», wenn Massnahmen gegen das Rauchen durch Umfragen legitimiert würden. Nichtraucher seien im Alltag nämlich viel nachgiebiger, als es ihre verbal geäusserten Einstellungen vermuten liessen. Unter dem Titel «Toleranzverhalten und Rauchen» präsentierte er seine Erkenntnisse dem wissenschaftspolitischen Ausschuss des Verbands der Cigarettenindustrie. Das Urteil des VdC-Gutachters fiel vernichtend aus: Atteslanders Studie tauge nicht einmal zu einer Voruntersuchung und sei «nicht geeignet, nach aussen hin verwendet oder gar veröffentlicht zu werden». Den Professor hat das nicht davon abgehalten, das Mensa-Experiment in seinem Methodenlehrbuch aufzuführen. Offenbar gelten die strengen Qualitätskriterien, die er an die Studien zu den Risiken des Rauchens anlegt, nicht für seine eigenen Untersuchungen. Die «Memos», die Atteslander für Philip Morris verfasst hat, klingen wie die Berichte eines Agenten, der einer gigantischen Verschwörung auf der Spur ist. Unablässig warnt er vor «militanten Gruppen», die «unter dem Deckmantel der Prävention» obskure Ziele verfolgen und Bündnisse eingehen mit machtgierigen Bürokraten und sensationsgierigen Medien. Auch auf die grosse Mehrzahl seiner Kollegen sei kein Verlass, so der Professor, denn die würden für die «Krebsforschermafia» arbeiten und seien entsprechend «einäugig». Er selber will dagegen stets dem Ideal der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung treu geblieben sein. Als im Deutschen Ärzteblatt Anfang 1998 Kritik an seinen Aussagen zum Passivrauchen laut wurde, antwortete er: «Es wäre hilfreich, wenn stringent nachgewiesen würde, wo ich durch ‹unkritische Übernahme von Argumentationsweisen› der Tabakindustrie zu Diensten gewesen sein soll.»

Chung-Yol Lee und Stanton Glantz haben nichts anderes getan, als dieser Aufforderung Folge zu leisten. Atteslander aber hält die Vorgehensweise seiner Kritiker für ungerechtfertigt. Die Quellen, auf die sich ihr Bericht stütze, seien von ihm nicht autorisiert worden, betonte der Soziologe gegenüber der Weltwoche. Das Arbeitsprogramm, das Philip Morris für ihn massgeschneidert hat, habe ihm selber nie vorgelegen, auch sonst habe er keinerlei Weisungen von seinen Geldgebern erhalten. Vehement setzt sich Atteslander gegen den Vorwurf zur Wehr, seine Beratertätigkeit für die Zigarettenfirmen verheimlicht zu haben. In Wirklichkeit habe er sich mehrfach bei Anhörungen und auf Pressekonferenzen als Gutachter der Tabakindustrie zu erkennen gegeben. Auf die Frage, ob er dies auch gegenüber Mitarbeitern der WHO getan habe, antwortet er ausweichend, er möge sich an Gespräche mit Dr. Vienonen erinnern, auch über seine Analysen epide- miologischer Arbeiten über das Rauchen. Doch der finnische WHO-Koordinator bezweifelt, dass es solche Gespräche gegeben hat.

Wem Datenschutz nützt

Zumindest im Hinblick auf seine Erinnerungspolitik ist Atteslander ein «archetypischer Fall» eines Industrieberaters. Bislang haben alle inoffiziellen Mitarbeiter der Tabakkonzerne nach ihrer Enttarnung beteuert, nur dem Gemeinwohl gedient zu haben. Wer wissen will, wie es wirklich war, muss die Originaldokumente zu Rate ziehen. Eben deshalb haben die US-Bundesstaaten 1998 in einem Abkommen darauf bestanden, die Akten aus den Prozessen gegen die Zigarettenhersteller der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Rechtsprechung in den USA ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe dafür, dass Philip Morris und British American Tobacco ihren Hauptsitz in die Schweiz verlagert haben. Hier behandelt man Geschäftsgeheimnisse erfahrungsgemäss diskret. Peter Atteslanders Nachfolgern soll die Peinlichkeit einer öffentlichen Blossstellung erspart bleiben.

von Dietmar Jazbinsek, erschienen in der Weltwoche Ausgabe 47/05

Tabak-Krimi in 10 Akten

Die folgende Geschichte über die Verführbarkeit der Menschen durch gewöhnungsbildende Drogen und die kalkulierte Skrupellosigkeit, sich an dieser Verführbarkeit zu bereichern, ist erst kürzlich bekannt geworden. Sie ist auch noch lange nicht zu Ende, denn es scheint zu einer Pattstellung zu kommen Nikotin, die vermummte Katastrophe von Dr. med. Michael G. Koch (Karlsborg/Schweden) Es ist der Kampf der Erwachsenen um die Freiheit ihrer Kinder von den Zwängen der Suchtentwicklung. Bis der gewonnen sein wird – falls das überhaupt jemals gelingen sollte -, wird die lange Vorgeschichte des grossen Geschäftes mit der Tabaksucht noch mehrmals wieder vergessen werden. Dabei handelt es sich – hier im Stenogrammstil zusammengefaßt – um eine der grössten Rattenfängereien der Menschheitsgeschichte und auf deren Höhepunkt um einen der ungeheuerlichsten Skandale unserer Zeit. Bislang hat dieser zehn Akte.

Tabak-Krimi in 10 Akten

Akt 1: Forschung verbiegen

Es beginnt damit, dass der Chef der Food and Drug Administration (FDA) der USA, Kessler, in der Nationalbibliothek Washingtons das Suchwort „nicotine“ in den Computer gibt. Tausende von Artikeln tauchen auf, die das Nikotin – aus allen denkbaren Perspektiven – als das Gift behandeln, das es ist. Zu allem Überfluß ist es stark suchtbildend. So wirkt es als Auslöser eines Verhaltens, das zu etwa zehn typischen Krebsarten führt (Lunge, Kehlkopf, Zunge, Lippen, Blase, Enddarm usw.) sowie zu einem weiteren Dutzend schwerer, oft tödlicher Krankheiten, die nur Raucher betreffen und ihr Leben im Durchschnitt um etwa neun Jahre verkürzen. Daneben aber gibt es auch Hunderte von Artikeln, die das alles mit fadenscheinigen Argumenten, schlechten Versuchsanordnungen oder unsachlichem Geschwafel zu vernebeln suchen. Kessler untersucht, wie diese merkwürdige „Forschung“ überhaupt zustande kam: durchweg mit Geldern aus den Fonds der amerikanischen Zigarettenindustrie (die ja bekanntlich ihre eigenen Manager verpflichtet, in der Öffentlichkeit zu rauchen; auch das wird in 10 bis 30 Jahren noch Schadenersatzklagen nach sich ziehen). Unabhängige Forscher haben etwas ebenso Merkwürdiges festgestellt: In der wissenschaftlich kontrollierten (peer review, scientific referees), qualitativ abgesicherten publizierten Fachliteratur sprechen etwa 80% der Ergebnisse für die Schädlichkeit des passiven Rauchens. In der weniger zuverlässigen, oberflächlichen und kurzlebigen ad-hoc-Literatur etwa nicht publizierter „Kongress-Rapporte“ und nicht im vollständigen Text vorliegender „Oral presentations“ hingegen sprechen nur 40% dafür1. Der einzige Unterschied ansonsten: Die Fachjournale sind unabhängig, die Kongresse sind zum grossen Teil von der Zigarettenindustrie gesponsert, die natürlich starken Einfluß auf die Auswahl der Beiträge und die Ausführung der Untersuchungen nimmt. Das ist eine zweckvoll verbogene, minderwertige Wissenschaft („junk science“), ganz nah am Wissenschaftsbetrug. Nur nah dran – oder ist es Betrug? Der Tabak in seinem biologischen Umfeld mgk. Der Name Tabak (span. tobaco) ist vermutlich von einem Indianerwort abgeleitet, das die zum Rauchen benutzte Röhre bezeichnete. Die Gruppe der Tabakpflanzen (Nikotiana) mit etwa 100 Arten gehört zu den Nachtschattengewächsen (Solanazeen), zu denen zahlreiche andere giftige Pflanzen gehören. Viele von ihnen enthalten berauschende und gewöhnungsbildende Substanzen, so etwa die «Schweinebohne» (Hyoscamos) des antiken Griechenlands. Nikotin kann schon in geringen Mengen – einige Zigarettenkippen reichen! – für Kleinkinder tödlich sein. Der Tod tritt ein unter Atemlähmung und Herzstillstand. Gifte und Rauschgifte bildeten schon immer ein Kontinuum, da sie viele gefährliche Wirkungen teilen. Fast alle Teile derTabakpflanze (ausser den Samen) enthalten dieses Gift und andere Alkaloide (etwa das Anabasin). Alkaloide gehören zu derselben Stoffgruppe wie das Heroin und andere Opiate. Als Ausgangsbasis für Tabake dienen vor allem die Blätter des Virginia-Tabaks (N. tabacum) und des Bauerntabaks (N. rustica oder Machorka). Beide Pflanzen stammen aus dem tropischen Amerika, sind aber heute über die ganze Welt verbreitet, der Virginiatabak im wesentlichen im Westen und im Orient, der Bauerntabak vor allem in den Ostblockländern (Polen, Russland) und in Asien.

Akt 2: Öffentlichkeit täuschen

Kessler wird neugierig, wie weit die Zigarettenindustrie zu gehen bereit ist, um eine Droge lancieren zu können, deren suchtbildende und tödliche Wirkung dokumentiert und zum Teil auch bekannt ist. Er ist nämlich im Zweifel, ob es sich eigentlich um eine nach den geltenden Gesetzen „verkehrsfähige“ Ware handelt, und vor allem, ob die Zigarettenindustrie als einzige Industrie der USA von der für viele andere Firmen (Arzneimittel-, Automobil-, Motoren-, Kompressoren-, Kraftwerk- oder Flugzeugindustrie) sehr teuren Produkthaftung zu befreien sei. Warum eigentlich? Etwa wegen der manifesten Nikotinsucht einflussreicher Senatoren? Er ist sehr skeptisch geworden gegenüber der Aufrichtigkeit der Zigarettenindustrie und ahnt, dass sie wohl selbst zu kriminellen Methoden zu greifen bereit ist, um ihren Milliardenumsatz zu sichern. Seit Jahren behauptet die Zigarettenindustrie, dass es unmöglich sei, den Teergehalt zu verringern, ohne auch den Nikotingehalt zu senken. Kessler misst nach – in den USA-Zigaretten der letzten Jahre. Ergebnis: reiner Bluff. Das Gegenteil ist der Fall: Der Teergehalt ist kontinuierlich gesunken, der Nikotingehalt hingegen allmählich gestiegen. Also eine bewusste Lüge. Eigentlich gab es dazu keinen Grund (niemand wünscht Teer und Lungenkrebs!), es sei denn, um etwas zu verdecken … Wie im Himmel konnte eigentlich der Nikotingehalt so kontinuierlich steigen?? Neue Tabaksorten?

Akt 3: Sucht erzeugen

Kessler denkt sofort an Genmanipulation – was sonst? Er lässt Legionen von Mitarbeitern der FDA nach allen denkbaren Stichworten in allen Literatur-Registern der Welt suchen. Nichts. Ist keine solche Forschung – nicht einmal von der Zigarettenindustrie – betrieben worden? Äusserst merkwürdig! Man hat ja z. B. auch nach Hanfpflanzen gesucht – und sie an vielen Stellen der Welt (Niederlande, Thailand) auch genmanipulatorisch erzeugt -, die einen höheren THC-(Tetrahydrocannabinol-)Gehalt als der übliche Hanf aufweisen. Das ist gleich mehrfach gelungen. Nunja, die Zigarettenindustrie ist ja nicht gezwungen, ihre Ergebnisse zu publizieren. Also hier kein Erfolg. Nun setzt Kessler eine spezielle Untersuchungskommission aus renommierten Medizinern, Chemikern und Kriminologen zusammen. Seine These: Man hat solche gentechnologisch nikotinverstärkten Tabaksorten entwickelt und begonnen, sie in die Produktion einzuspeisen, und zwar heimlich. Sinn der Maßnahme: mehr Suchterzeugung, grösserer Umsatz, Blockade der Anti-Raucher-Kampagnen der Regierung, der Gesundheitsbehörden und der Ärzteschaft. Auf Nachfrage wird das von der Zigarettenindustrie empört zurückgewiesen: Niemand täte so etwas! Nie! Das wäre ja unmoralisch!

Die Geschichte des Rauchens mgk. Ehe man den Tabak kannte, konnte man ihn natürlich nicht rauchen. Eiserne Pfeifen gab es bereits bei den Kelten. Sicher scheint, dass etwa Gallier und Helvetier schon vor den Römern rauchten. Man fand ihre kleinen, bronzenen Pfeifen. Aber was rauchten sie damals? Vermutlich waren es vor allem Quendel (Feldthymian, Feldkümmel) und Lavendel. Bei den Skythen wurden auch Hanfkörner geraucht. Bei den alten Römern gab es vermutlich bereits die – allerdings seltene – Angewohnheit, etwa Opium oder eventuell auch Hanf zu rauchen. Legionäre dürften diese Unsitte aus dem Orient mitgebracht haben. Das Rauchen hat sich jedoch in der Antike und im Mittelalter offenbar nicht nennenswert verbreitet. Die erste Kunde vom Tabak kam – nach Columbus zweiter Reise – im Jahre 1497 nach Europa. Columbus fand die Sitte des Tabakrauchens bei einigen Indianerstämmen der Karibik, Auch in Nordamerika rauchten manche Indianer Pfeife, in Südamerika dagegen gab es vor allem Kau- und Schnupftabake. Erst im 19. Jahrhundert aber kamen Zigarren und Zigaretten auf. Früh wurde deutlich, dass das Rauchen sehr ungesund war. Dann wurden Anbau und Genuss von Tabak in vielen Ländern verboten – im Orient oder in Russland mit drakonischen Strafen belegt. In England erhob man hohe Abgaben, um den Konsum zu drosseln. Der Papst sprach den Bann aus über den, der mit Schnupftabak in der Kirche erwischt wurde. Dennoch breitete sich der Tabakkonsum – typisch für eine süchtigmachende Substanz – unaufhaltsam weiter aus. Das Rauchen auf der Strasse aber blieb sozialverpönt – in Deutschland etwa war es bis zum Jahre 1848 verboten. Erst ab 1850 kam dann das Rauchen richtig in Mode, und zwar durch die billigeren Zigaretten, die sich auch «der kleine Mann» leisten konnte. Damit kam es erstmalig zum Massenrauchen.

Akt 4: Patent verstecken

 Wenn die Zigarettenindustrie – und davon sind Kessler und seine Leute nach wie vor überzeugt – den Tabak genmanipuliert haben sollte, müsste sie das Produkt auch patentschützen. Man sucht das ganze amerikanische (das billigste!) Patentregister durch: Nichts. Man gibt nicht auf, sucht auch in internationalen Registern: wieder nichts. Man sucht in anderen nationalen Registern: Wo gibt es die meisten Drogen und die meisten Gangster der Welt? Vermutlich in Südamerika. In Brasilien wird man endlich fündig: Dort, ist eine genmanipulatorisch nikotinverstärkte Tabaksorte patentiert – vom amerikanischen Zigaretten-Giganten B & W (Brown & Williamson). Dieses heimliche „amerikanische“ Patent ist also in Brasilien registriert, von Portugal aus beantragt worden und nur in den Niederlanden (!) gelistet (filed), zudem unter verdunkelndem Titel. – Ein typischer Fall von bewusster und sehr aufwendiger (teurer!) „Vermummung“. Sie bezeugt ein sehr schlechtes Gewissen.

Akt 5: Heimlich einführen

Wenn die Zigarettenindustrie – und das ist nun erwiesen – über einen solchen Tabak verfügt, muss dieser irgendwie von Südamerika in die USA geholt werden. Nun beginnt eine intensive Suche in den US-Zoll-Archiven („The walls began to shiver!“), monatelang, ergebnislos. Immer wieder, mit kriminalistischem Spürsinn, exzerpiert man neue Listen, unter allen denkbaren Gesichtspunkten: Zeit, Periodizität, Herkunftsland, Warenkategorie, Mengen, Wert, Adressaten. Dann wird man endlich fündig, auf Seite 4 einer 25seitigen Liste einer einzigen Zollstation: Es heißt nicht etwa „tobaco“ o.ä., sondern „Project Y-1“! Der neugezüchtete Tabak hat mehr als das Doppelte der bisher höchsten Nikotinkonzentration.

Akt 6: Sucht verstärken

Ein abgesprungener Vize-Chef des Zigarettengiganten B & W, Jeffrey Wigand, beginnt zu plaudern. Er bestätigt Kesslers Verdacht. In den verbreiteten Marken Viceroy, Raleigh und Raleigh Light (!) kam der genmanipulierte Tabak bereits zum Einsatz. Die Zigarettenindustrie bewirft ihn mit Schmutz, macht ihn als mythomanen Psychopathen verdächtig. Aber, was er sagt, erweist sich als völlig korrekt. Es kommt noch mehr heraus: Man hat auch mit Ammoniak als Verstärker der Nikotinwirkung gearbeitet (als bräuchte es weitere Schleimhautirritationen!), da auch das den Suchteffekt intensiviert. Diesmal ist das Projekt „vermummt“ durch das Kennwort „Research“. So hat man indirekt den Nikotineffekt erhöht, ehe man die Tabakpflanzen verändert hatte. Auch das geschah heimlich, weil man niemanden mit der Nase auf das stossen wollte, was man in einschlägigen Kreisen sehr wohl wusste: Man verdiente Milliarden mit dem im Grunde unzulässigen Verkauf einer suchtbildenden Droge.

 Akt 7: Forschung vernichten

Wie genau wusste man das? Kessler traf sich heimlich in einer Hotel-Lobby mit dem – vertrauenerweckenden, ruhigen und intelligenten – Chef einer Forschungsabteilung des des Zigarettengiganten Philip Morris. Er hatte bereits seit längerer Zeit gemerkt, dass er auf wissenschaftlichen Kongressen von seinem Arbeitgeber heimlich videogefilmt wurde. In seiner Abteilung nämlich hatte man in Rattenexperimenten bestätigen können, dass die suchterzeugenden Wirkungen von Nikotin sehr gross sind – wie dies auch bei Heroin und Kokain der Fall ist. Das stimmte völlig mit der ubiquitären Erfahrung überein, dass ein starker Raucher in Krisenzeiten lieber das Essen einschränkt als das Rauchen. Damit war Nikotin eigentlich eine illegale Droge. Was tat Philip Morris mit den Befunden? Publizieren, kommentieren? Noch einmal nachuntersuchen, um ganz sicher zu sein? O nein! Man verpasste den Forschem unter finsteren Drohungen einen Maulkorb (den der Leiter der einschlägigen Forschung also abstreifte), machte einfach das ganze Labor dicht und vernichtete alle Versuchstiere.

Akt 8: Hinhaltend reagieren

Nun kommt ein hochpolitischer Drahtseilakt: Kessler trägt das Material an Präsident Clinton heran, der seinen FDA-Chef über alles schätzt und bisher in allem stützte. Das Thema ist superheiss. Einer der zuständigen höchsten Entscheidungsträger kommentiert das so: Zufolge der Beurteilung und infolge der privaten Einstellung (entweder selbst nikotinsüchtig oder: „Jeder sein eigener Idiot – Geld stinkt nicht!“) von zahlreichen hohen Ministern, Lobbyisten, Industriemagnaten, Obersten Richtern und Senatoren gehe dem Präsidenten und seiner Partei „der gesamte Süden der USA verloren“, falls man gegen die Interessen der Zigarettenindustrie vorgehe. Zudem raucht Clinton selbst, wenn auch selten öffentlich. Also – lieber wegschauen? Auf der anderen Seite fürchtet Präsident Clinton sicher den berechtigten und vielleicht fatalen Vorwurf, er habe sich wider besseres Wissen und wider die Ratschläge aller Sachkundigen im Gesundheitswesen (Surgeon General), in Ärztekreisen und -gesellschaften, in den zuständigen Ministerien (DHHS)2, den Drogenbehörden (DEA)3 , den CDC4 und der FDA5 den Interessen skrupelloser – Geschäftemacher gebeugt. Und ausgerechnet jetzt kündigt die WHO6 an, den Kampf gegen den Tabakkonsum weltweit intensivieren zu wollen – mit Kontrollkonventionen und einem 5-Jahres-Aktionsplan „Tabak oder Gesundheit“. Was tun? Clinton zögert noch. Man meint im Moment, er werde den heissen Ball, den Kessler, der jetzt erschöpft zurücktritt, ihm gerade noch zuwarf, mutig (?) weiterrollen. Es wäre eventuell das Ende des Massenrauchens in den USA und ein Todesstoss für die Zigarettenindustrie mit unkalkulierbaren politischen Konsequenzen (Arbeitslosigkeit, Steuereinbussen, Protestwähler?). Und ab etwa 2025 müssten dann auch viele Lungenchirurgen nach neuen Aufgaben suchen.

Akt 9: Prozesse gewinnen

Nun kommen die ersten Gerichtsurteile, eines Bundesbezirksgerichts in North Carolina im April 1997, Bundesrichter William Osteen hat sich der Meinung der FDA angeschlossen, dass es sich beim Nikotin um ein Rauschmittel handele, das staatlicher Kontrolle zu unterwerfen sei. Zigaretten seien von der Industrie als „Instrument der Nikotin-Verabreichung“ entwickelt worden. Das Werbeverbot gegenüber Jugendlichen sei von der FTC7 auszusprechen. Dieses Urteil ist vor allem deshalb ein schwerer Schlag für die drei amerikanischen Zigarettengiganten, weil man den Prozess absichtsvoll in den Staat North Carolina verlegt hatte, in dem grosse Tabakindustrien liegen. Der Richter W. Osteen, der zudem als industriefreundlich gilt, bereitete der Zigarettenindustrie eine herbe Enttäuschung. Das Urteil verschlechtert ihre Rechtsposition in allen im ganzen Lande anhängigen Schadenersatz-Prozessen, die man durch aussergerichtliche Vergleiche beizulegen gedenkt (Milliarden-Fonds für den Verzicht auf weitere Klagen). An der Wall Street sanken die Aktienkurse der grossen Zigarettenhersteller markant. Man meint, dieses Urteil habe den Arm der Regierung beträchtlich gestärkt, den Verhandlungsspielraum der Tabakindustrie hingegen deutlich eingeschränkt. Anfang Mai jedoch wird in Florida ein in seiner Tendenz entgegengesetztes Urteil gefällt: In der Klage der Lungenkrebspatientin Jean Connor gegen die Zigarettenfirma RJ Reynolds entschied eine Jury (die ja in den USA bekanntlich oft andere als juristische Maßstäbe anlegt) zugunsten des Zigarettenherstellers, der also keinen Schadenersatz zu leisten braucht. Aktienkurse und Verkaufsziffern steigen wieder. Da heute 46 Millionen Amerikaner rauchen und rund 400.000 von ihnen jährlich daran sterben, wird von entscheidender Bedeutung sein, wie die anhängigen Verfahren ausgehen werden, in denen etwa 40 amerikanische Bundesstaaten die Zigarettenindustrie verklagt haben, die gewaltigen Kosten der Patientenbehandlung mitzutragen. Eine neue Publikation von Harvard-Forschern, die nachweisen, dass beim Passivrauchen das Herzinfarktrisiko auch für die unfreiwillig mitrauchenden Nichtraucher um bis zu 91% ansteigt, stärken die Position der Gegner des Rauchens weiterhin. Immer konsequenter wird man in Hunderten von Gerichtsurteilen an vielen Arbeitsplätzen die Rechte der Nichtraucher durchsetzen. (Rein wissenschaftlich gibt es hier jedoch allen Anlass zur Vorsicht. Eine tatsächliche Verdoppelung des Infarktrisikos bei Passivrauchern wirkt wenig plausibel – es könnte sich um eine verborgene Co-Korrelation unter den Auswahlkriterien und Arbeitsplätzen der untersuchten Personen, fast ausschliesslich Krankenschwestern, handeln.)

Akt 10: Zuständigkeit abkaufen

Dann kommt es Mitte Juni in den USA zu einem Vergleich, in dem sich die drei grössten Zigarettenhersteller immerhin von vorerst 17 Klagen freikaufen: Sie verpflichten sich, neben erheblichen Einschränkungen vor allem in der Reklame, im Automatenverkauf und in der Anwerbung jugendlicher Raucher, im Laufe von 25 Jahren die schier unvorstellbare Summe von rund 640.000.000.000 DM (368,5 Milliarden US-$) als Beitrag zur Patientenversorgung zu zahlen, danach weitere 26.000.000.000 DM (15 Milliarden US-$) ? jährlich in einen Spezialfonds. Bedingung: keine weiteren Schadenersatzansprüche mehr für Vergangenes, Erschwerung von neuen Klagen. Die Summen, die hier ausgehandelt wurden, würden im Laufe von 40 Jahren für die Anschaffung von etwa 34.000.000 neuen Autos a‘ 30.000 DM ausreichen! Das übersteigt den Jahresetat vieler mittelgrosser Staaten, übertrifft das Bruttosozialprodukt (BSP) etwa Portugals (1993 rund 78 Milliarden US-$) um 660%, das der Schweiz oder Indiens (254 bzw. 261 Milliarden US-$) um rund 125% und lässt selbst das BSP von ganz Kanada hinter sich. Das ist, nicht nur in seiner Grössenordnung, ein in jeder Hinsicht einmaliger Vorgang. Denn es bedeutet, dass selbst die Zigarettenindustrie Schäden in dieser gigantischen Höhe anerkennt. Es handelt sich um einen Betrag, der die jährliche Landesverteidigung Schwedens um etwa das Achtzigfache, die Deutschlands um etwa das Fünfzehnfache übersteigt. Die dann fälligen jährlichen Summen halten denselben Takt. dass man dennoch denkt, mit diesem Geschäft fortzufahren. Man akzeptiert also kaltblütig diesen unvorstellbaren Schadensumfang und kauft sich ganz einfach von der Verantwortung frei. Das Geld dazu liefern die Geschädigten selbst ab, dazu gezwungen durch die bewusst induzierte Nikotinsucht (Nils Bejerot: „artificially induced drive“!), die sie eben auch immer teurere Zigaretten wird kaufen lassen. dass die Zigarettenindustrie trotz dieser enormen Extraaufendungen noch lohnende Gewinne macht. Spätestens jetzt wird deutlich, was am Rauchen tatsächlich verdient wird. Sie hat einen Hybriden aus dem goldenen Kalb und dem Dukatenesel gefunden. Man stelle sich das einmal für eine andere Industrie, etwa für Bäckereien oder Schlachtbetriebe vor: Sie sollen – neben allen ihren anderen Ausgaben noch das Mehrfache der Landesverteidigung aufbringen, zucken nur mit den Achseln, bezahlen das halt auch noch und verkaufen dann ihre Brötchen und Würste etwas teurer … Mit keinem Wort wird geregelt, wie das Geld eingenommen wird, das man sich hier zu zahlen verpflichtet hat. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wird es einfach auf die Käufer abgewälzt werden. Diese müssen eben neben jeder Zigarette gleich etwas vorauszahlen von den Krankenhauskosten, die sie später verursachen werden. Logisch. Die Zigarettenindustrie schaltet sich nur als Einsammler dieses Geldes zwischen Kunde und öffentliche Hand. Was für ein Pyrrhussieg der Prozessgegner! Ob Clinton und der Kongress das durchschauen? Ob sie das überhaupt durchschauen wollen? Der ungeheuerlichste Punkt des ganzen Vergleichs steckt in einer kaum erwähnten und schon gar nicht öffentlich diskutierten Nebenbedingung: Die zuständige amerikanische Behörde FDA darf bis zum Jahre 2009 das suchtbildende Nikotin nicht verbieten, „und auch dann nur, wenn dies nicht dem Entstehen eines Schwarzmarkts Vorschub leistet“ (ein zuverlässiger Widerhaken). Das ist völlig umwälzend, denn es bedeutet, dass die Zigarettenindustrie für eine – von den Rauchern aufzubringende! – hohe Summe einer staatlichen Behörde untersagt, ihres (gesundheitsschützenden) Amtes zu walten. Die sonst so strenge Behörde lässt sich ihre gesetzlich geregelte Zuständigkeit abkaufen und kann auf viele Jahre nicht tun, was sie seit langem für geboten hält. Darin liegt der wirklich grosse Sieg der Tabaklobby: Der Drache FDA liegt gefesselt und festgezurrt auf dem Boden, mit Maulkorb und gestutzten Klauen – Sankt Mammon hat ihn besiegt. Dies nähert sich – indem es obligatorische behördliche Massnahmen aushebelt, auf die der Bürger einen Anspruch hat – dem Tatbestand der Korruption, denn das einzige „Argument“ der Zigarettenindustrie ist die hohe Stillhaltesumme, die sie dem Staat dafür zahlt. Ist das ihr eigentlicher Sieg, so liegt die unfassbare Chuzpe in etwas anderem: Die Tabakproduzenten kaufen sich nicht nur von einer generell gültigen Produkthaftung, von Prozessrisiken und anderen sonst nicht disponiblen Rechtsprinzipien frei, sondern lassen diese rechtswidrige Auslieferung der Raucher an ihre Pusher und Dealer von den Nikotinabhängigen selbst bezahlen. Diese finanzieren also ihre eigene Schutzlosigkeit. Ihr dringend benötigter Gesundheitsanwalt in Gestalt unabhängiger Behörden wird unter ihrer Mitwirkung ausgeschaltet. Nikotin und Suchtbildung mgk. Man hat in neueren Untersuchungen wiederholt nachgewiesen, dass sich der Vorgang der Suchtbildung im Belohnungszentrum des Gehirns abspielt (in der dopaminergen VTA-Region), indem dort die Empfindlichkeit der überstimulierten Zellen auf Reize verstellt wird. Dies wird mit der Zeit irreversibel. Solche Veränderungen wurden in der gleichen Hirnregion für so unterschiedliche Substanzen wie Marihuana/Haschisch, Amphetamin, Kokain, Heroin, Alkohol und Nikotin festgestellt, wobei die Stärke der Gewohnheitsbildung bei Heroin, Kokain und Nikotin am höchsten zu sein scheint. Als Süchtiger reagiert zudem der Tabakkonsument ziemlich preisunempfindlich, das heisst, auf eine Preiserhöhung folgen eine Verdruss- und Schimpfperiode, dann ein Rückgang zum alten Konsumptionsmuster. So haben Regierungen weltweit entdeckt, dass man die Tabakprodukte als etwas schier «Unentbehrliches» mit fast beliebig hohen Abgaben belegen kann. Daher ist der Preis heutiger Zigaretten zum grössten Teil durch Zollabgaben und Tabaksteuer bedingt. Damit verschwindet aber zugleich das echte Interesse an der Drosselung des Tabakkonsums. In Deutschland etwa verdient der Fiskus am Tabak fast dreimal so viel (20.500 Millionen DM!) wie an Wein, Bier, Branntwein und anderen Spirituosen zusammen (7700 Millionen DM). Anmerkungen

1 Die krankmachende Bedeutung des „passiven Rauchens“ kann heute als wissenschaftlich endgültig bewiesen gelten

2 DHHS: Department of Health and Human Services

3 DEA Drug Enforcement Agency

4 CDC: Centers for Disease Control

5 FDA: Food and Drug Administration

6 WHO: World Health Organization 7

 FTC: Federal Trade Commission (Quelle: Zeit-Fragen/Zürich Nr. 10, Oktober 1997, S. 11)

 

Hinweis: Diese Geschichte ist nicht frei erfunden. Die Schilderung basiert auf beweisbaren Fakten und kann von Jedermann nachgeprüft werden. Trotzdem gibt es noch genug dumme Steigbügelhalter der Tabakindustrie, die sich für diese Mörderindustrie, teils für ’nen Appel und ein Ei, prostituieren.

Die Sucht hat sie gefügig gemacht, die Schergen der Tabakmafia. 

Volksverdummung im BVGG-Forum, befeuert mit Uraltpropaganda der Tabakindustrie

Der Webmaster des BVGG „Bundesvereins für Genuss und Gastronomie“, der im Forum dieses höchst dubiosen Vereins als Einpeitscher die Qualmer bei Laune hält, glänzt dort unter Anderem mit Behauptungen, Passivrauchen wäre weniger schädlich als der Verzehr von Vollmilch oder Fleisch. Die „Studien“, auf die er sich dabei bezieht, gibt er jedoch nicht Preis. Woher diese Zahlen stammen, verschweigt er geflissentlich. Wir haben nachgeforscht und herausfegunden, dass diese Nonsensestudien schon 1996  vom Tabakgiganten Philipp Morris in Auftrag gegeben wurden, um die wahre Schädlichkeit des Passivrauchens zu vertuschen. Philipp Morris startete damals eine widerliche Anzeigenkampagne in Printmedien, in der die Volksverdummung durch die Tabakindustrie ihren Höhepunkt erreichte.

In einer Pressemitteilung vom 11. Juli 1996 nimmt das Robert Koch-Institut (früher Teil des Bundesgesundheitsamtes) zur Anzeigenkampagne des Tabakkonzerns Philip Morris zum Gesundheitsrisiko des Passivrauchens .

Das Robert Koch-Institut warnte davor, die Gefahren des Passivrauchens zu unterschätzen. Auch wer selbst nicht raucht, hat bei regelmäßigem Einatmen des sogenannten Nebenstromrauches ein erhöhtes Risiko, Herzkrankheiten oder Lungenkrebs zu bekommen. So hat die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA Tabakrauch in der Innenraumluft als krebserregenden Stoff der (höchsten) Gruppe A eingestuft; das bedeutet, dass die EPA einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs für belegt hält. Das Passivrauchen ist in Deutschland die häufigste Form von Luftverschmutzung in Innenräumen und betrifft etwa ein Drittel der Erwachsenen und jedes zweite Kind.

Seit einigen Wochen erscheinen in deutschen Zeitung und Zeitschriften Anzeigen, in denen suggeriert wird, das Gesundheitsrisiko durch Passivrauchen sei nicht höher, als wenn man Vollmilch oder gechlortes Leitungswasser trinkt, Kekse isst, sein Essen mit viel Pfeffer würzt oder sich von Fleisch ernährt. Als „Beweis“ werden wissenschaftliche Studien zitiert, die für diese Verzehrgewohnheiten ein ähnliches oder sogar höheres Gesundheitsrisiko als für Passivrauchen ausweisen.

Diese Argumentation ist grob irreführend. So liegen für fast alle der aufgeführten „Vergleichsrisiken“ nur einzelne Untersuchungsergebnisse vor, was für eine echte Beurteilung des Risikos nicht ausreicht. Dagegen hat die EPA für ihre Bewertung des Passivrauchens die Ergebnisse von insgesamt 150 Studien herangezogen, davon allein 30 zum Lungenkrebs.

Wichtige Ergebnisse, die die Studienergebnisse beeinflussen können, wurden von der EPA mit einbezogen, in den zum Vergleich angeführten Studien aber entweder überhaupt nicht berücksichtigt oder in den Anzeigen unterschlagen. Ein Beispiel: In einer Studie wurde untersucht, wie sich die Ernährung – vegetarisch oder fleischhaltig -auf das Risiko einer koronaren Herzkrankheit auswirkt. Bei fleischessenden Männern zwischen 35 und 64 Jahren – und nur dieses Zwischenergebnis wird in der Anzeige verwendet – ergab sich ein dreimal höheres Herzinfarktrisiko; allerdings nur, wenn der Einfluss des Rauchens nicht berücksichtigt wurde. Bei Betrachtung von Herzkrankheiten, für die Rauchen einer der wichtigsten Risikofaktoren ist, ist das ein gravierender Fehler. Berücksichtigt man den Einfluss des Rauchens, ergibt sich dann auch ein deutlich niedrigeres, etwa 1,5faches Risiko für Fleischesser. Dies ist in der Studie auch angegeben, wird in den Anzeigen aber ignoriert. Es stellt sich die Frage, wie das Ergebnis aussähe, würden weitere Risikofaktoren für den Herzinfarkt ebenfalls einbezogen. Bei Frauen zeigte die Studie übrigens keinen Unterschied zwischen Fleischkonsumentinnen und Vegetarierinnen.

Die Argumentation, die die gesundheitliche Unbedenklichkeit des Passivrauchens unterstellt, führt zudem Risiken an, die sich schon bei Betrachtung der fraglichen Studien schnell als nicht plausibel erweisen.

Sogar Studienergebnisse, die die Untersucher selbst ausdrücklich als fragwürdig bezeichnen, werden für die Beweisführung herangezogen. Der Zusammenhang zwischen Passivrauchen einerseits, Herzkrankheiten und Lungenkrebs andererseits ist dagegen auch biologisch plausibel.

Das Robert Koch-Institut ist der Auffassung, dass Vergleiche, wie sie in den betreffenden Anzeigen gezogen werden, den Verbraucher in die Irre führen. Dass Passivrauchen ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellt, ist wissenschaftlich belegt – nicht aber etwaige Risiken durch Kekse oder Vollmilch.

Es wird eine Frage der Zeit sein, bis passivrauchgeschädigte Bürgerinnen und Bürger diesen Verein dafür verantwortlich machen, dass auf Grund der Hetze und gezielten Desinformation Raucher zur Missachtung der Rauchverbote angestiftet werden. Dann wird es Klagen hageln, wegen Anstiftung  oder gar Beihilfe zur Körperverletzung. Den Verantwortlichen sei angeraten, sich warm anzuziehen. Denn neben den strafrechtlich relevanten Tatbeständen werden wohl zivielrechtliche Schadensersatzanprüche in nicht unerheblicher Höhe auf die Steigbügelhalter der Tabakmafia zukommen, dass es nur so raucht, aber ohne abgebrannte Fluppe. Dafür wir dann kein Geld mehr übrig sein.