Forschen schadet Ihrer Gesundheit

Der Sozialwissenschaftler Peter Atteslander ist ein angesehener Fachmann für Präventionsfragen – dabei liess er sich jahrelang von der Tabakindustrie für seine angebliche Unabhängigkeit bezahlen. Er bestreitet die Vorwürfe der verdeckten Lobbyarbeit, doch die Fakten lassen sich nicht vernebeln.

Auch in der Welt der Wissenschaft gibt es Bestseller. So hat es ein Buch mit dem spröden Titel «Methoden der empirischen Sozialforschung» von 1968 bis 2003 auf zehn Auflagen mit über 100000 Exemplaren gebracht. Bis heute gehört der Band für viele Studenten zur Pflichtlektüre in Sachen Interviewführung oder Stichprobenbildung. Autor des Standardwerks ist der 1926 in Gänsbrunnen (Kanton Solothurn) geborene Soziologe Peter Atteslander. Weil er im Laufe seiner Karriere den Problemen der Gesundheitsförderung besondere Bedeutung beigemessen hat, bezeichnet sich Atteslander gelegentlich als «Sozialforscher im Bereich der Präventivmedizin». Von einem Experten für den vorbeugenden Gesundheitsschutz kann man erwarten, dass er keine allzu grossen Sympathien für das Rauchen hegt. Darum klang es wie ein schlechter Scherz, als Atteslander Anfang 2001 in einem amerikanischen Forschungsbericht als «archetypischer Berater der Tabakindustrie» tituliert wurde.

Verfasser der Studie waren der Medizinprofessor Stanton Glantz von der University of California und sein damaliger Student Chung-Yol Lee, der heute als Abteilungsleiter am Berner Bundesamt für Gesundheit tätig ist. Ihr Bericht beruhte auf einer Auswertung von internen Unterlagen der Zigarettenindustrie. Zunächst schien kaum jemand die Vorwürfe gegen Atteslander ernst zu nehmen. Noch im selben Jahr verlieh ihm die Johannes-Kepler-Universität Linz den Titel eines Ehrendoktors. Im März 2001 veröffentlichte die Neue Zürcher Zeitung eine Laudatio auf ihren langjährigen Kolumnisten aus Anlass seines 75. Geburtstages. Zum Eklat kam es erst, als die US-Studie einige Monate später in einem Editorial des Swiss Medical Forum zitiert wurde. Im Januar 2004 warf Atteslander seinen Kritikern öffentlich vor, ihn mit «abenteuerlichen Behauptungen» zu verleumden.

Ist der international renommierte Sozialwissenschaftler das Opfer einer Rufmordkampagne geworden?

Horch, was «die Antis» tun

Worum es geht, kann jeder Internetnutzer nachprüfen, denn die Unterlagen, auf die sich Lee und Glantz berufen, sind allesamt online abrufbar. Aus den Dokumenten geht hervor, wie eng Wissenschaftler in aller Welt mit der Tabakindustrie und den von ihr finanzierten Stiftungen zusammengearbeitet haben. «Big Tobacco» war ein ebenso spendabler wie diskreter Geldgeber, wenn es um die Förderung von Forschungsprojekten oder die Veranstaltung von Kongressen ging. Hatte ein Akademiker seine besondere Loyalität gegenüber der Branche unter Beweis gestellt, bekam er die Chance, in den Kreis ihrer «Berater» aufzusteigen. Zu ihnen gehörte auch Peter Atteslander. Seinen eigenen Angaben zufolge war er von 1988 bis 2001 für die Vereinigung der Schweizerischen Zigarettenindustrie und die Philip-Morris-Niederlassung in Neuenburg tätig. Im März 1990 stellten drei Manager des Marlboro-Produzenten ein Arbeitsprogramm für Atteslander zusammen, das auf einem fünfzigseitigen Strategiepapier des Soziologen basierte. Die Liste seiner Aufgaben enthielt unter anderem folgende Punkte: «- Verteidigung der Industrieinteressen als unabhängiger Wissenschaftler gegenüber dritten Parteien (z.B. dem Gottlieb Duttweiler Institut) […] – Beschaffung nützlicher Informationen über dritte Parteien […] – Analyse der Antriebskräfte und Infiltrationsmethoden der Antis» (gemeint sind die Gesundheitsschützer). Die Budgets, die dem Berater zur Verfügung gestellt wurden, summieren sich in den Jahren 1991 bis 2000 auf einen Gesamtbetrag von mehr als 500000 Schweizer Franken.

Atteslander legt heute Wert auf die Feststellung, dass dieser Finanzetat nicht mit seinen effektiven Bezügen übereinstimmte. Die Abrechnung der Gelder erfolgte über das Londoner Büro der amerikanischen Anwaltskanzlei Shook, Hardy&Bacon. Zusätzlich zu den persönlichen Honoraren machte der Professor eine Reihe von Extrabeträgen geltend. So verlangte er im Januar 1992 exakt 39834,80 DM für die Bezahlung seiner Assistentin an der Universität Augsburg, wo er seit 1972 einen Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung innehatte. Als das Anwaltsbüro zögerte, die Rechnung zu begleichen, schaltete sich der Philip-Morris-Mann Helmut Gaisch ein. Nur dank der Übernahme der Lehrverpflichtungen durch seine Untergebene sei Atteslander dazu in der Lage, so Gaisch, sich als «Lobbyist, Berater und Experte innerhalb der EU, der WHO und der deutschen Regierung für die Interessen von Philip Morris einzusetzen».

Sabotage der WHO

Wie diese Lobbyarbeit konkret ablief, zeigt das Beispiel der Weltgesundheitsorganisation. Ende 1988 hatten Topmanager der Zigarettenbranche im sogenannten «Boca Raton Action Plan» den Entschluss gefasst, das Tabakkontrollprogramm der WHO zu sabotieren. Zu diesem Zweck sollten eigene Berater als vermeintlich unabhängige Fachleute in die Gesundheitsorganisation eingeschleust werden. Peter Atteslander hatte dank seines Renommees als Lehrbuchautor offenbar keine Mühe, an Einladungen zu WHO-Konferenzen heranzukommen. Nachdem er im November 1991 einen Kongress zum Thema «Public Health in the Year 2000» besucht hatte, informierte er seine Leute bei der Tabakindustrie über «die zu erwartenden Aktivitäten» der Gegenseite. Als ein Jahr später eine Folgekonferenz stattfand, beantragte Atteslander bei dem Londoner Anwaltsbüro die Übernahme seiner Reisekosten, um seine Kontakte zur WHO vertiefen zu können. Wie wichtig diese Kontakte für die Industrie sein konnten, sollte sich schon kurze Zeit später erweisen. Im April 1993 erfuhr der Soziologe während eines Aufenthalts in Peking, dass die chinesische Regierung eine landesweite Untersuchung plante, um den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu erfassen. Nach seiner Rückkehr plädierte er gegenüber dem Philip-Morris-Konzern für einen Eingriff in das laufende Forschungsprogramm und bot von sich aus an, bei der «Beschaffung und Überprüfung des Fragebogens» behilflich zu sein. In der Folge schrieb Atteslander mehreren Repräsentanten der WHO und erkundigte sich nach Details der China-Studie. Für wen die Informationen gedacht waren, erwähnte er in seinen Briefen nicht. Im August 1995 konnte er nach einem weiteren China-Besuch vermelden, dass die Regierung lediglich an Planungsgrundlagen für die medizinische Infrastruktur interessiert war und «Anti-Raucher-Kampagnen nicht auf der Prioritätenliste stehen». Auch die Mitteilung, dass es sich bei der Pekinger Vertretung «um ein völlig ineffektives Aussenbüro der WHO handelt», war für die Tabakleute eine gute Nachricht. China gilt für die Zigarettenhersteller als Markt der Zukunft, seit sie in den westlichen Industriestaaten empfindliche Umsatzeinbussen zu verzeichnen haben.

Im Innern des Zitierkartells Atteslanders Karriere als Industrieberater ist nicht immer gradlinig verlaufen. Vor allem zu Beginn hatte er grosse Mühe, die Tabakmanager von seinen Qualitäten zu überzeugen. Als er 1989 ein Gegengutachten zu der Broschüre «Rauchen und Sterblichkeit in der Schweiz» vorlegte, meldeten sich Vertreter vom bundesdeutschen Verband der Cigarettenindustrie (VdC) zu Wort. Ihrem Leseeindruck nach hatte der Experte seinen Kommentar in einem Stil verfasst, «der aus der Feder von PM [Philip Morris] stammen könnte». Das war kein Lob, sondern ein Tadel. Auch die Mitarbeiter von Shook, Hardy&Bacon waren nicht immer mit Atteslanders Verlautbarungen zufrieden: «Er wird selten konkret und braucht zu lange, um vage Dinge zu erläutern», heisst es in einer vertraulichen Mitteilung der Anwaltskanzlei über den Hang des Professors zur Weitschweifigkeit. Wer die Idee hatte, aus dieser Schwäche Atteslanders eine Stärke zu machen, ist unklar. In Frage kommt der PM-Manager Jean Besques, der von der Wirksamkeit der «indirekten Kritik» überzeugt war. Gemeint ist damit der Kunstgriff, die Argumente der «Antis» nicht frontal zu attackieren, sondern sie eher beiläufig im Rahmen allgemeiner Erörterungen anzugreifen.

«Macht Arbeit krank?», «Prävention als Risiko?», «Epidemiologie als Demoskopie» – unter derart unverfänglichen Überschriften hat Atteslander serienmässig Texte in Absprache mit der Zigarettenindustrie produziert. Darin tritt er wortreich als Verteidiger von Prinzipien auf, die niemand ernsthaft in Frage stellt. Er plädiert gegen «Überreglementierung» und für «Selbstverantwortung», gegen «Fehlinvestitionen» und für «Vernunft». Erst wenn der Autor in einer Nebenbemerkung illustriert, was er für vernünftig hält, kommt er zur eigentlichen Hauptsache. Die Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Krebs sei ein ungeheuer komplexer Vorgang, hier einen einzelnen Risikofaktor wie das Rauchen hervorzuheben, sei eine unzulässige Vereinfachung. O-Ton Atteslander: «Tabaktote kommen eher in den Medien vor als in ernsthaften epidemiologischen Studien.» Wenn Atteslander in seinen Publikationen die Bemühungen um den Nichtraucherschutz in Frage stellte, verwies er gerne auf ähnlich lautende Stellungnahmen namhafter Statistiker wie Martin Rutsch (Universität Karlsruhe), Berthold Schneider (Medizinische Hochschule Hannover), Karl Überla (Ludwig-Maximilians-Universität München).

Dass auch seine akademischen Kronzeugen Gelder von der Zigarettenindustrie bezogen, erfuhren Atteslanders Leser nicht.

Diese Zitierpolitik war kein Zufall, sondern Teil einer Branchenstrategie, die unter dem Codenamen «European witness development» firmierte. Sie zielte darauf ab, industriefreundliche Experten in ein internationales Netzwerk einzubinden. Es war eine der Aufgaben Atteslanders, dieses Netzwerk zu pflegen und zu erweitern. Gemeinsam mit Managern und anderen Industrieberatern hat er einschlägige Veröffentlichungen geplant und Veranstaltungen organisiert.

Eine von den Tabaklobbyisten gern genutzte Tagungsreihe waren die «Gesundheitsgespräche» des Europäischen Forums Alpbach. Im Jahr 2000 wurden Beiträge zu dieser Gesprächsrunde in einem Sonderheft der Zeitschrift Das Gesundheitswesen abgedruckt. Atteslander hatte hierfür mit Johannes Gostomzyk, dem Schriftleiter der Fachzeitschrift, den VdC um einen Druckkostenzuschuss gebeten. Gostomzyk hatte bereits zuvor als Leiter des Augsburger Gesundheitsamts Forschungsgelder vom deutschen Branchenverband bezogen. Zudem gehörte er laut Briefkopf zeitweilig zur wissenschaftlichen Leitung der Arbeitsgruppe Gesundheitsforschung, über die Atteslander die Mehrzahl seiner Arbeiten für die Tabakindustrie abgewickelt hat.

Gostomzyk ist heute Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention.

«Was wollen Sie eigentlich?»

Die Adressaten der Gutachten, die von dem Expertenzirkel im Auftrag der Tabakindustrie erstellt wurden, waren die politischen Entscheidungsträger. Der Politik sollte der Eindruck vermittelt werden, dass industriekritische Studien unter Fachleuten umstritten sind und es deshalb viel zu früh ist, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Atteslander nannte das «Forschung für externe Wirkung». Im September 1992 begründete er in einem Brief an Philip Morris, warum er ein noch ungedrucktes Manuskript für die Fachzeitschrift Soziale Welt an den zuständigen EU-Kommissar und einen Ministerialrat im Bonner Forschungsministerium geschickt hatte: «damit die erwünschte Wirkung nicht auf die wahrscheinlich erst in Monaten zu erwartende Veröffentlichung warten muss». Denselben Effekt sollten auch Atteslanders persönliche «Interventionen» erzielen. Als am 17. Januar 1990 in Bern Vertreter der Schweizer Gesundheitsbehörden mit Repräsentanten der Zigarettenindustrie zusammenkamen, war der Soziologe als Sachverständiger eingeladen. In seinem Redebeitrag nahm er sich viel Zeit, um generelle Fragen zu den Prioritäten und Perspektiven der Gesundheitspolitik zu stellen, bis schliesslich Franz Wyss, der Zentralsekretär der Schweizerischen Sanitätsdirektorenkonferenz, die Geduld verlor und ihn mit dem Zwischenruf unterbrach: «Was wollen Sie denn eigentlich?» Darauf Atteslander betont gelassen: «Ich will nur eine Antwort auf meine Fragen. Aber es sieht so aus, als hätte ich da einen wunden Punkt getroffen…» Im Sitzungsprotokoll des Zigarettenverbands wird der weitere Gesprächsverlauf wie folgt geschildert: «Atteslander hat es geschafft, Wyss total in Rage zu bringen – Wyss ist laut geworden und hat ziemlich beleidigende Ausdrücke benutzt.» Die Genugtuung, die hier mitschwingt, erklärt sich aus dem Umstand, dass ein hoher Beamter des Innenministeriums Zeuge des Vorfalls geworden war. Einmal mehr hatte der Industrieberater unter Beweis gestellt, dass «Antiraucher-Fundamentalisten» zu «vordergründiger Polemik» neigen, statt – wie er selber – sachlich und ausgewogen zu argumentieren. Weil Wyss seine Unabhängigkeit in Frage gestellt hatte, beschwerte sich Atteslander nachher schriftlich bei dessen Vorgesetzten: «Mich als ‹Vertreter der Tabakindustrie› zu bezeichnen, muss ich ablehnen.»

Rauchzeichen aus der Mensa

Im Katalog der Aufgaben, die Atteslander für Philip Morris erfüllen sollte, findet sich auch der Punkt «wissenschaftliche Arbeit mit Studenten». Inwieweit der Professor seine Lehrveranstaltungen dazu genutzt hat, Nachwuchs für den Tabakkonzern zu rekrutieren, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Fest steht aber, dass er Studenten in ein «Feldexperiment» einbezogen hat, das mit seiner Beratertätigkeit in Zusammenhang stand. Dabei sollte beobachtet werden, was passiert, wenn sich jemand im Nichtraucherbereich der Augsburger Uni-Mensa eine Zigarette anzündet. Das Ergebnis überraschte: Nur 2 der 27 Testpersonen beschwerten sich, obwohl 18 von ihnen im anschliessenden Interview meinten, sie hätten sich durch den Rauch gestört gefühlt. Atteslander zog daraus weitreichende Schlüsse: Es sei ein «Missbrauch von Sozialdaten», wenn Massnahmen gegen das Rauchen durch Umfragen legitimiert würden. Nichtraucher seien im Alltag nämlich viel nachgiebiger, als es ihre verbal geäusserten Einstellungen vermuten liessen. Unter dem Titel «Toleranzverhalten und Rauchen» präsentierte er seine Erkenntnisse dem wissenschaftspolitischen Ausschuss des Verbands der Cigarettenindustrie. Das Urteil des VdC-Gutachters fiel vernichtend aus: Atteslanders Studie tauge nicht einmal zu einer Voruntersuchung und sei «nicht geeignet, nach aussen hin verwendet oder gar veröffentlicht zu werden». Den Professor hat das nicht davon abgehalten, das Mensa-Experiment in seinem Methodenlehrbuch aufzuführen. Offenbar gelten die strengen Qualitätskriterien, die er an die Studien zu den Risiken des Rauchens anlegt, nicht für seine eigenen Untersuchungen. Die «Memos», die Atteslander für Philip Morris verfasst hat, klingen wie die Berichte eines Agenten, der einer gigantischen Verschwörung auf der Spur ist. Unablässig warnt er vor «militanten Gruppen», die «unter dem Deckmantel der Prävention» obskure Ziele verfolgen und Bündnisse eingehen mit machtgierigen Bürokraten und sensationsgierigen Medien. Auch auf die grosse Mehrzahl seiner Kollegen sei kein Verlass, so der Professor, denn die würden für die «Krebsforschermafia» arbeiten und seien entsprechend «einäugig». Er selber will dagegen stets dem Ideal der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung treu geblieben sein. Als im Deutschen Ärzteblatt Anfang 1998 Kritik an seinen Aussagen zum Passivrauchen laut wurde, antwortete er: «Es wäre hilfreich, wenn stringent nachgewiesen würde, wo ich durch ‹unkritische Übernahme von Argumentationsweisen› der Tabakindustrie zu Diensten gewesen sein soll.»

Chung-Yol Lee und Stanton Glantz haben nichts anderes getan, als dieser Aufforderung Folge zu leisten. Atteslander aber hält die Vorgehensweise seiner Kritiker für ungerechtfertigt. Die Quellen, auf die sich ihr Bericht stütze, seien von ihm nicht autorisiert worden, betonte der Soziologe gegenüber der Weltwoche. Das Arbeitsprogramm, das Philip Morris für ihn massgeschneidert hat, habe ihm selber nie vorgelegen, auch sonst habe er keinerlei Weisungen von seinen Geldgebern erhalten. Vehement setzt sich Atteslander gegen den Vorwurf zur Wehr, seine Beratertätigkeit für die Zigarettenfirmen verheimlicht zu haben. In Wirklichkeit habe er sich mehrfach bei Anhörungen und auf Pressekonferenzen als Gutachter der Tabakindustrie zu erkennen gegeben. Auf die Frage, ob er dies auch gegenüber Mitarbeitern der WHO getan habe, antwortet er ausweichend, er möge sich an Gespräche mit Dr. Vienonen erinnern, auch über seine Analysen epide- miologischer Arbeiten über das Rauchen. Doch der finnische WHO-Koordinator bezweifelt, dass es solche Gespräche gegeben hat.

Wem Datenschutz nützt

Zumindest im Hinblick auf seine Erinnerungspolitik ist Atteslander ein «archetypischer Fall» eines Industrieberaters. Bislang haben alle inoffiziellen Mitarbeiter der Tabakkonzerne nach ihrer Enttarnung beteuert, nur dem Gemeinwohl gedient zu haben. Wer wissen will, wie es wirklich war, muss die Originaldokumente zu Rate ziehen. Eben deshalb haben die US-Bundesstaaten 1998 in einem Abkommen darauf bestanden, die Akten aus den Prozessen gegen die Zigarettenhersteller der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Rechtsprechung in den USA ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe dafür, dass Philip Morris und British American Tobacco ihren Hauptsitz in die Schweiz verlagert haben. Hier behandelt man Geschäftsgeheimnisse erfahrungsgemäss diskret. Peter Atteslanders Nachfolgern soll die Peinlichkeit einer öffentlichen Blossstellung erspart bleiben.

von Dietmar Jazbinsek, erschienen in der Weltwoche Ausgabe 47/05

Tabak-Krimi in 10 Akten

Die folgende Geschichte über die Verführbarkeit der Menschen durch gewöhnungsbildende Drogen und die kalkulierte Skrupellosigkeit, sich an dieser Verführbarkeit zu bereichern, ist erst kürzlich bekannt geworden. Sie ist auch noch lange nicht zu Ende, denn es scheint zu einer Pattstellung zu kommen Nikotin, die vermummte Katastrophe von Dr. med. Michael G. Koch (Karlsborg/Schweden) Es ist der Kampf der Erwachsenen um die Freiheit ihrer Kinder von den Zwängen der Suchtentwicklung. Bis der gewonnen sein wird – falls das überhaupt jemals gelingen sollte -, wird die lange Vorgeschichte des grossen Geschäftes mit der Tabaksucht noch mehrmals wieder vergessen werden. Dabei handelt es sich – hier im Stenogrammstil zusammengefaßt – um eine der grössten Rattenfängereien der Menschheitsgeschichte und auf deren Höhepunkt um einen der ungeheuerlichsten Skandale unserer Zeit. Bislang hat dieser zehn Akte.

Tabak-Krimi in 10 Akten

Akt 1: Forschung verbiegen

Es beginnt damit, dass der Chef der Food and Drug Administration (FDA) der USA, Kessler, in der Nationalbibliothek Washingtons das Suchwort „nicotine“ in den Computer gibt. Tausende von Artikeln tauchen auf, die das Nikotin – aus allen denkbaren Perspektiven – als das Gift behandeln, das es ist. Zu allem Überfluß ist es stark suchtbildend. So wirkt es als Auslöser eines Verhaltens, das zu etwa zehn typischen Krebsarten führt (Lunge, Kehlkopf, Zunge, Lippen, Blase, Enddarm usw.) sowie zu einem weiteren Dutzend schwerer, oft tödlicher Krankheiten, die nur Raucher betreffen und ihr Leben im Durchschnitt um etwa neun Jahre verkürzen. Daneben aber gibt es auch Hunderte von Artikeln, die das alles mit fadenscheinigen Argumenten, schlechten Versuchsanordnungen oder unsachlichem Geschwafel zu vernebeln suchen. Kessler untersucht, wie diese merkwürdige „Forschung“ überhaupt zustande kam: durchweg mit Geldern aus den Fonds der amerikanischen Zigarettenindustrie (die ja bekanntlich ihre eigenen Manager verpflichtet, in der Öffentlichkeit zu rauchen; auch das wird in 10 bis 30 Jahren noch Schadenersatzklagen nach sich ziehen). Unabhängige Forscher haben etwas ebenso Merkwürdiges festgestellt: In der wissenschaftlich kontrollierten (peer review, scientific referees), qualitativ abgesicherten publizierten Fachliteratur sprechen etwa 80% der Ergebnisse für die Schädlichkeit des passiven Rauchens. In der weniger zuverlässigen, oberflächlichen und kurzlebigen ad-hoc-Literatur etwa nicht publizierter „Kongress-Rapporte“ und nicht im vollständigen Text vorliegender „Oral presentations“ hingegen sprechen nur 40% dafür1. Der einzige Unterschied ansonsten: Die Fachjournale sind unabhängig, die Kongresse sind zum grossen Teil von der Zigarettenindustrie gesponsert, die natürlich starken Einfluß auf die Auswahl der Beiträge und die Ausführung der Untersuchungen nimmt. Das ist eine zweckvoll verbogene, minderwertige Wissenschaft („junk science“), ganz nah am Wissenschaftsbetrug. Nur nah dran – oder ist es Betrug? Der Tabak in seinem biologischen Umfeld mgk. Der Name Tabak (span. tobaco) ist vermutlich von einem Indianerwort abgeleitet, das die zum Rauchen benutzte Röhre bezeichnete. Die Gruppe der Tabakpflanzen (Nikotiana) mit etwa 100 Arten gehört zu den Nachtschattengewächsen (Solanazeen), zu denen zahlreiche andere giftige Pflanzen gehören. Viele von ihnen enthalten berauschende und gewöhnungsbildende Substanzen, so etwa die «Schweinebohne» (Hyoscamos) des antiken Griechenlands. Nikotin kann schon in geringen Mengen – einige Zigarettenkippen reichen! – für Kleinkinder tödlich sein. Der Tod tritt ein unter Atemlähmung und Herzstillstand. Gifte und Rauschgifte bildeten schon immer ein Kontinuum, da sie viele gefährliche Wirkungen teilen. Fast alle Teile derTabakpflanze (ausser den Samen) enthalten dieses Gift und andere Alkaloide (etwa das Anabasin). Alkaloide gehören zu derselben Stoffgruppe wie das Heroin und andere Opiate. Als Ausgangsbasis für Tabake dienen vor allem die Blätter des Virginia-Tabaks (N. tabacum) und des Bauerntabaks (N. rustica oder Machorka). Beide Pflanzen stammen aus dem tropischen Amerika, sind aber heute über die ganze Welt verbreitet, der Virginiatabak im wesentlichen im Westen und im Orient, der Bauerntabak vor allem in den Ostblockländern (Polen, Russland) und in Asien.

Akt 2: Öffentlichkeit täuschen

Kessler wird neugierig, wie weit die Zigarettenindustrie zu gehen bereit ist, um eine Droge lancieren zu können, deren suchtbildende und tödliche Wirkung dokumentiert und zum Teil auch bekannt ist. Er ist nämlich im Zweifel, ob es sich eigentlich um eine nach den geltenden Gesetzen „verkehrsfähige“ Ware handelt, und vor allem, ob die Zigarettenindustrie als einzige Industrie der USA von der für viele andere Firmen (Arzneimittel-, Automobil-, Motoren-, Kompressoren-, Kraftwerk- oder Flugzeugindustrie) sehr teuren Produkthaftung zu befreien sei. Warum eigentlich? Etwa wegen der manifesten Nikotinsucht einflussreicher Senatoren? Er ist sehr skeptisch geworden gegenüber der Aufrichtigkeit der Zigarettenindustrie und ahnt, dass sie wohl selbst zu kriminellen Methoden zu greifen bereit ist, um ihren Milliardenumsatz zu sichern. Seit Jahren behauptet die Zigarettenindustrie, dass es unmöglich sei, den Teergehalt zu verringern, ohne auch den Nikotingehalt zu senken. Kessler misst nach – in den USA-Zigaretten der letzten Jahre. Ergebnis: reiner Bluff. Das Gegenteil ist der Fall: Der Teergehalt ist kontinuierlich gesunken, der Nikotingehalt hingegen allmählich gestiegen. Also eine bewusste Lüge. Eigentlich gab es dazu keinen Grund (niemand wünscht Teer und Lungenkrebs!), es sei denn, um etwas zu verdecken … Wie im Himmel konnte eigentlich der Nikotingehalt so kontinuierlich steigen?? Neue Tabaksorten?

Akt 3: Sucht erzeugen

Kessler denkt sofort an Genmanipulation – was sonst? Er lässt Legionen von Mitarbeitern der FDA nach allen denkbaren Stichworten in allen Literatur-Registern der Welt suchen. Nichts. Ist keine solche Forschung – nicht einmal von der Zigarettenindustrie – betrieben worden? Äusserst merkwürdig! Man hat ja z. B. auch nach Hanfpflanzen gesucht – und sie an vielen Stellen der Welt (Niederlande, Thailand) auch genmanipulatorisch erzeugt -, die einen höheren THC-(Tetrahydrocannabinol-)Gehalt als der übliche Hanf aufweisen. Das ist gleich mehrfach gelungen. Nunja, die Zigarettenindustrie ist ja nicht gezwungen, ihre Ergebnisse zu publizieren. Also hier kein Erfolg. Nun setzt Kessler eine spezielle Untersuchungskommission aus renommierten Medizinern, Chemikern und Kriminologen zusammen. Seine These: Man hat solche gentechnologisch nikotinverstärkten Tabaksorten entwickelt und begonnen, sie in die Produktion einzuspeisen, und zwar heimlich. Sinn der Maßnahme: mehr Suchterzeugung, grösserer Umsatz, Blockade der Anti-Raucher-Kampagnen der Regierung, der Gesundheitsbehörden und der Ärzteschaft. Auf Nachfrage wird das von der Zigarettenindustrie empört zurückgewiesen: Niemand täte so etwas! Nie! Das wäre ja unmoralisch!

Die Geschichte des Rauchens mgk. Ehe man den Tabak kannte, konnte man ihn natürlich nicht rauchen. Eiserne Pfeifen gab es bereits bei den Kelten. Sicher scheint, dass etwa Gallier und Helvetier schon vor den Römern rauchten. Man fand ihre kleinen, bronzenen Pfeifen. Aber was rauchten sie damals? Vermutlich waren es vor allem Quendel (Feldthymian, Feldkümmel) und Lavendel. Bei den Skythen wurden auch Hanfkörner geraucht. Bei den alten Römern gab es vermutlich bereits die – allerdings seltene – Angewohnheit, etwa Opium oder eventuell auch Hanf zu rauchen. Legionäre dürften diese Unsitte aus dem Orient mitgebracht haben. Das Rauchen hat sich jedoch in der Antike und im Mittelalter offenbar nicht nennenswert verbreitet. Die erste Kunde vom Tabak kam – nach Columbus zweiter Reise – im Jahre 1497 nach Europa. Columbus fand die Sitte des Tabakrauchens bei einigen Indianerstämmen der Karibik, Auch in Nordamerika rauchten manche Indianer Pfeife, in Südamerika dagegen gab es vor allem Kau- und Schnupftabake. Erst im 19. Jahrhundert aber kamen Zigarren und Zigaretten auf. Früh wurde deutlich, dass das Rauchen sehr ungesund war. Dann wurden Anbau und Genuss von Tabak in vielen Ländern verboten – im Orient oder in Russland mit drakonischen Strafen belegt. In England erhob man hohe Abgaben, um den Konsum zu drosseln. Der Papst sprach den Bann aus über den, der mit Schnupftabak in der Kirche erwischt wurde. Dennoch breitete sich der Tabakkonsum – typisch für eine süchtigmachende Substanz – unaufhaltsam weiter aus. Das Rauchen auf der Strasse aber blieb sozialverpönt – in Deutschland etwa war es bis zum Jahre 1848 verboten. Erst ab 1850 kam dann das Rauchen richtig in Mode, und zwar durch die billigeren Zigaretten, die sich auch «der kleine Mann» leisten konnte. Damit kam es erstmalig zum Massenrauchen.

Akt 4: Patent verstecken

 Wenn die Zigarettenindustrie – und davon sind Kessler und seine Leute nach wie vor überzeugt – den Tabak genmanipuliert haben sollte, müsste sie das Produkt auch patentschützen. Man sucht das ganze amerikanische (das billigste!) Patentregister durch: Nichts. Man gibt nicht auf, sucht auch in internationalen Registern: wieder nichts. Man sucht in anderen nationalen Registern: Wo gibt es die meisten Drogen und die meisten Gangster der Welt? Vermutlich in Südamerika. In Brasilien wird man endlich fündig: Dort, ist eine genmanipulatorisch nikotinverstärkte Tabaksorte patentiert – vom amerikanischen Zigaretten-Giganten B & W (Brown & Williamson). Dieses heimliche „amerikanische“ Patent ist also in Brasilien registriert, von Portugal aus beantragt worden und nur in den Niederlanden (!) gelistet (filed), zudem unter verdunkelndem Titel. – Ein typischer Fall von bewusster und sehr aufwendiger (teurer!) „Vermummung“. Sie bezeugt ein sehr schlechtes Gewissen.

Akt 5: Heimlich einführen

Wenn die Zigarettenindustrie – und das ist nun erwiesen – über einen solchen Tabak verfügt, muss dieser irgendwie von Südamerika in die USA geholt werden. Nun beginnt eine intensive Suche in den US-Zoll-Archiven („The walls began to shiver!“), monatelang, ergebnislos. Immer wieder, mit kriminalistischem Spürsinn, exzerpiert man neue Listen, unter allen denkbaren Gesichtspunkten: Zeit, Periodizität, Herkunftsland, Warenkategorie, Mengen, Wert, Adressaten. Dann wird man endlich fündig, auf Seite 4 einer 25seitigen Liste einer einzigen Zollstation: Es heißt nicht etwa „tobaco“ o.ä., sondern „Project Y-1“! Der neugezüchtete Tabak hat mehr als das Doppelte der bisher höchsten Nikotinkonzentration.

Akt 6: Sucht verstärken

Ein abgesprungener Vize-Chef des Zigarettengiganten B & W, Jeffrey Wigand, beginnt zu plaudern. Er bestätigt Kesslers Verdacht. In den verbreiteten Marken Viceroy, Raleigh und Raleigh Light (!) kam der genmanipulierte Tabak bereits zum Einsatz. Die Zigarettenindustrie bewirft ihn mit Schmutz, macht ihn als mythomanen Psychopathen verdächtig. Aber, was er sagt, erweist sich als völlig korrekt. Es kommt noch mehr heraus: Man hat auch mit Ammoniak als Verstärker der Nikotinwirkung gearbeitet (als bräuchte es weitere Schleimhautirritationen!), da auch das den Suchteffekt intensiviert. Diesmal ist das Projekt „vermummt“ durch das Kennwort „Research“. So hat man indirekt den Nikotineffekt erhöht, ehe man die Tabakpflanzen verändert hatte. Auch das geschah heimlich, weil man niemanden mit der Nase auf das stossen wollte, was man in einschlägigen Kreisen sehr wohl wusste: Man verdiente Milliarden mit dem im Grunde unzulässigen Verkauf einer suchtbildenden Droge.

 Akt 7: Forschung vernichten

Wie genau wusste man das? Kessler traf sich heimlich in einer Hotel-Lobby mit dem – vertrauenerweckenden, ruhigen und intelligenten – Chef einer Forschungsabteilung des des Zigarettengiganten Philip Morris. Er hatte bereits seit längerer Zeit gemerkt, dass er auf wissenschaftlichen Kongressen von seinem Arbeitgeber heimlich videogefilmt wurde. In seiner Abteilung nämlich hatte man in Rattenexperimenten bestätigen können, dass die suchterzeugenden Wirkungen von Nikotin sehr gross sind – wie dies auch bei Heroin und Kokain der Fall ist. Das stimmte völlig mit der ubiquitären Erfahrung überein, dass ein starker Raucher in Krisenzeiten lieber das Essen einschränkt als das Rauchen. Damit war Nikotin eigentlich eine illegale Droge. Was tat Philip Morris mit den Befunden? Publizieren, kommentieren? Noch einmal nachuntersuchen, um ganz sicher zu sein? O nein! Man verpasste den Forschem unter finsteren Drohungen einen Maulkorb (den der Leiter der einschlägigen Forschung also abstreifte), machte einfach das ganze Labor dicht und vernichtete alle Versuchstiere.

Akt 8: Hinhaltend reagieren

Nun kommt ein hochpolitischer Drahtseilakt: Kessler trägt das Material an Präsident Clinton heran, der seinen FDA-Chef über alles schätzt und bisher in allem stützte. Das Thema ist superheiss. Einer der zuständigen höchsten Entscheidungsträger kommentiert das so: Zufolge der Beurteilung und infolge der privaten Einstellung (entweder selbst nikotinsüchtig oder: „Jeder sein eigener Idiot – Geld stinkt nicht!“) von zahlreichen hohen Ministern, Lobbyisten, Industriemagnaten, Obersten Richtern und Senatoren gehe dem Präsidenten und seiner Partei „der gesamte Süden der USA verloren“, falls man gegen die Interessen der Zigarettenindustrie vorgehe. Zudem raucht Clinton selbst, wenn auch selten öffentlich. Also – lieber wegschauen? Auf der anderen Seite fürchtet Präsident Clinton sicher den berechtigten und vielleicht fatalen Vorwurf, er habe sich wider besseres Wissen und wider die Ratschläge aller Sachkundigen im Gesundheitswesen (Surgeon General), in Ärztekreisen und -gesellschaften, in den zuständigen Ministerien (DHHS)2, den Drogenbehörden (DEA)3 , den CDC4 und der FDA5 den Interessen skrupelloser – Geschäftemacher gebeugt. Und ausgerechnet jetzt kündigt die WHO6 an, den Kampf gegen den Tabakkonsum weltweit intensivieren zu wollen – mit Kontrollkonventionen und einem 5-Jahres-Aktionsplan „Tabak oder Gesundheit“. Was tun? Clinton zögert noch. Man meint im Moment, er werde den heissen Ball, den Kessler, der jetzt erschöpft zurücktritt, ihm gerade noch zuwarf, mutig (?) weiterrollen. Es wäre eventuell das Ende des Massenrauchens in den USA und ein Todesstoss für die Zigarettenindustrie mit unkalkulierbaren politischen Konsequenzen (Arbeitslosigkeit, Steuereinbussen, Protestwähler?). Und ab etwa 2025 müssten dann auch viele Lungenchirurgen nach neuen Aufgaben suchen.

Akt 9: Prozesse gewinnen

Nun kommen die ersten Gerichtsurteile, eines Bundesbezirksgerichts in North Carolina im April 1997, Bundesrichter William Osteen hat sich der Meinung der FDA angeschlossen, dass es sich beim Nikotin um ein Rauschmittel handele, das staatlicher Kontrolle zu unterwerfen sei. Zigaretten seien von der Industrie als „Instrument der Nikotin-Verabreichung“ entwickelt worden. Das Werbeverbot gegenüber Jugendlichen sei von der FTC7 auszusprechen. Dieses Urteil ist vor allem deshalb ein schwerer Schlag für die drei amerikanischen Zigarettengiganten, weil man den Prozess absichtsvoll in den Staat North Carolina verlegt hatte, in dem grosse Tabakindustrien liegen. Der Richter W. Osteen, der zudem als industriefreundlich gilt, bereitete der Zigarettenindustrie eine herbe Enttäuschung. Das Urteil verschlechtert ihre Rechtsposition in allen im ganzen Lande anhängigen Schadenersatz-Prozessen, die man durch aussergerichtliche Vergleiche beizulegen gedenkt (Milliarden-Fonds für den Verzicht auf weitere Klagen). An der Wall Street sanken die Aktienkurse der grossen Zigarettenhersteller markant. Man meint, dieses Urteil habe den Arm der Regierung beträchtlich gestärkt, den Verhandlungsspielraum der Tabakindustrie hingegen deutlich eingeschränkt. Anfang Mai jedoch wird in Florida ein in seiner Tendenz entgegengesetztes Urteil gefällt: In der Klage der Lungenkrebspatientin Jean Connor gegen die Zigarettenfirma RJ Reynolds entschied eine Jury (die ja in den USA bekanntlich oft andere als juristische Maßstäbe anlegt) zugunsten des Zigarettenherstellers, der also keinen Schadenersatz zu leisten braucht. Aktienkurse und Verkaufsziffern steigen wieder. Da heute 46 Millionen Amerikaner rauchen und rund 400.000 von ihnen jährlich daran sterben, wird von entscheidender Bedeutung sein, wie die anhängigen Verfahren ausgehen werden, in denen etwa 40 amerikanische Bundesstaaten die Zigarettenindustrie verklagt haben, die gewaltigen Kosten der Patientenbehandlung mitzutragen. Eine neue Publikation von Harvard-Forschern, die nachweisen, dass beim Passivrauchen das Herzinfarktrisiko auch für die unfreiwillig mitrauchenden Nichtraucher um bis zu 91% ansteigt, stärken die Position der Gegner des Rauchens weiterhin. Immer konsequenter wird man in Hunderten von Gerichtsurteilen an vielen Arbeitsplätzen die Rechte der Nichtraucher durchsetzen. (Rein wissenschaftlich gibt es hier jedoch allen Anlass zur Vorsicht. Eine tatsächliche Verdoppelung des Infarktrisikos bei Passivrauchern wirkt wenig plausibel – es könnte sich um eine verborgene Co-Korrelation unter den Auswahlkriterien und Arbeitsplätzen der untersuchten Personen, fast ausschliesslich Krankenschwestern, handeln.)

Akt 10: Zuständigkeit abkaufen

Dann kommt es Mitte Juni in den USA zu einem Vergleich, in dem sich die drei grössten Zigarettenhersteller immerhin von vorerst 17 Klagen freikaufen: Sie verpflichten sich, neben erheblichen Einschränkungen vor allem in der Reklame, im Automatenverkauf und in der Anwerbung jugendlicher Raucher, im Laufe von 25 Jahren die schier unvorstellbare Summe von rund 640.000.000.000 DM (368,5 Milliarden US-$) als Beitrag zur Patientenversorgung zu zahlen, danach weitere 26.000.000.000 DM (15 Milliarden US-$) ? jährlich in einen Spezialfonds. Bedingung: keine weiteren Schadenersatzansprüche mehr für Vergangenes, Erschwerung von neuen Klagen. Die Summen, die hier ausgehandelt wurden, würden im Laufe von 40 Jahren für die Anschaffung von etwa 34.000.000 neuen Autos a‘ 30.000 DM ausreichen! Das übersteigt den Jahresetat vieler mittelgrosser Staaten, übertrifft das Bruttosozialprodukt (BSP) etwa Portugals (1993 rund 78 Milliarden US-$) um 660%, das der Schweiz oder Indiens (254 bzw. 261 Milliarden US-$) um rund 125% und lässt selbst das BSP von ganz Kanada hinter sich. Das ist, nicht nur in seiner Grössenordnung, ein in jeder Hinsicht einmaliger Vorgang. Denn es bedeutet, dass selbst die Zigarettenindustrie Schäden in dieser gigantischen Höhe anerkennt. Es handelt sich um einen Betrag, der die jährliche Landesverteidigung Schwedens um etwa das Achtzigfache, die Deutschlands um etwa das Fünfzehnfache übersteigt. Die dann fälligen jährlichen Summen halten denselben Takt. dass man dennoch denkt, mit diesem Geschäft fortzufahren. Man akzeptiert also kaltblütig diesen unvorstellbaren Schadensumfang und kauft sich ganz einfach von der Verantwortung frei. Das Geld dazu liefern die Geschädigten selbst ab, dazu gezwungen durch die bewusst induzierte Nikotinsucht (Nils Bejerot: „artificially induced drive“!), die sie eben auch immer teurere Zigaretten wird kaufen lassen. dass die Zigarettenindustrie trotz dieser enormen Extraaufendungen noch lohnende Gewinne macht. Spätestens jetzt wird deutlich, was am Rauchen tatsächlich verdient wird. Sie hat einen Hybriden aus dem goldenen Kalb und dem Dukatenesel gefunden. Man stelle sich das einmal für eine andere Industrie, etwa für Bäckereien oder Schlachtbetriebe vor: Sie sollen – neben allen ihren anderen Ausgaben noch das Mehrfache der Landesverteidigung aufbringen, zucken nur mit den Achseln, bezahlen das halt auch noch und verkaufen dann ihre Brötchen und Würste etwas teurer … Mit keinem Wort wird geregelt, wie das Geld eingenommen wird, das man sich hier zu zahlen verpflichtet hat. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wird es einfach auf die Käufer abgewälzt werden. Diese müssen eben neben jeder Zigarette gleich etwas vorauszahlen von den Krankenhauskosten, die sie später verursachen werden. Logisch. Die Zigarettenindustrie schaltet sich nur als Einsammler dieses Geldes zwischen Kunde und öffentliche Hand. Was für ein Pyrrhussieg der Prozessgegner! Ob Clinton und der Kongress das durchschauen? Ob sie das überhaupt durchschauen wollen? Der ungeheuerlichste Punkt des ganzen Vergleichs steckt in einer kaum erwähnten und schon gar nicht öffentlich diskutierten Nebenbedingung: Die zuständige amerikanische Behörde FDA darf bis zum Jahre 2009 das suchtbildende Nikotin nicht verbieten, „und auch dann nur, wenn dies nicht dem Entstehen eines Schwarzmarkts Vorschub leistet“ (ein zuverlässiger Widerhaken). Das ist völlig umwälzend, denn es bedeutet, dass die Zigarettenindustrie für eine – von den Rauchern aufzubringende! – hohe Summe einer staatlichen Behörde untersagt, ihres (gesundheitsschützenden) Amtes zu walten. Die sonst so strenge Behörde lässt sich ihre gesetzlich geregelte Zuständigkeit abkaufen und kann auf viele Jahre nicht tun, was sie seit langem für geboten hält. Darin liegt der wirklich grosse Sieg der Tabaklobby: Der Drache FDA liegt gefesselt und festgezurrt auf dem Boden, mit Maulkorb und gestutzten Klauen – Sankt Mammon hat ihn besiegt. Dies nähert sich – indem es obligatorische behördliche Massnahmen aushebelt, auf die der Bürger einen Anspruch hat – dem Tatbestand der Korruption, denn das einzige „Argument“ der Zigarettenindustrie ist die hohe Stillhaltesumme, die sie dem Staat dafür zahlt. Ist das ihr eigentlicher Sieg, so liegt die unfassbare Chuzpe in etwas anderem: Die Tabakproduzenten kaufen sich nicht nur von einer generell gültigen Produkthaftung, von Prozessrisiken und anderen sonst nicht disponiblen Rechtsprinzipien frei, sondern lassen diese rechtswidrige Auslieferung der Raucher an ihre Pusher und Dealer von den Nikotinabhängigen selbst bezahlen. Diese finanzieren also ihre eigene Schutzlosigkeit. Ihr dringend benötigter Gesundheitsanwalt in Gestalt unabhängiger Behörden wird unter ihrer Mitwirkung ausgeschaltet. Nikotin und Suchtbildung mgk. Man hat in neueren Untersuchungen wiederholt nachgewiesen, dass sich der Vorgang der Suchtbildung im Belohnungszentrum des Gehirns abspielt (in der dopaminergen VTA-Region), indem dort die Empfindlichkeit der überstimulierten Zellen auf Reize verstellt wird. Dies wird mit der Zeit irreversibel. Solche Veränderungen wurden in der gleichen Hirnregion für so unterschiedliche Substanzen wie Marihuana/Haschisch, Amphetamin, Kokain, Heroin, Alkohol und Nikotin festgestellt, wobei die Stärke der Gewohnheitsbildung bei Heroin, Kokain und Nikotin am höchsten zu sein scheint. Als Süchtiger reagiert zudem der Tabakkonsument ziemlich preisunempfindlich, das heisst, auf eine Preiserhöhung folgen eine Verdruss- und Schimpfperiode, dann ein Rückgang zum alten Konsumptionsmuster. So haben Regierungen weltweit entdeckt, dass man die Tabakprodukte als etwas schier «Unentbehrliches» mit fast beliebig hohen Abgaben belegen kann. Daher ist der Preis heutiger Zigaretten zum grössten Teil durch Zollabgaben und Tabaksteuer bedingt. Damit verschwindet aber zugleich das echte Interesse an der Drosselung des Tabakkonsums. In Deutschland etwa verdient der Fiskus am Tabak fast dreimal so viel (20.500 Millionen DM!) wie an Wein, Bier, Branntwein und anderen Spirituosen zusammen (7700 Millionen DM). Anmerkungen

1 Die krankmachende Bedeutung des „passiven Rauchens“ kann heute als wissenschaftlich endgültig bewiesen gelten

2 DHHS: Department of Health and Human Services

3 DEA Drug Enforcement Agency

4 CDC: Centers for Disease Control

5 FDA: Food and Drug Administration

6 WHO: World Health Organization 7

 FTC: Federal Trade Commission (Quelle: Zeit-Fragen/Zürich Nr. 10, Oktober 1997, S. 11)

 

Hinweis: Diese Geschichte ist nicht frei erfunden. Die Schilderung basiert auf beweisbaren Fakten und kann von Jedermann nachgeprüft werden. Trotzdem gibt es noch genug dumme Steigbügelhalter der Tabakindustrie, die sich für diese Mörderindustrie, teils für ’nen Appel und ein Ei, prostituieren.

Die Sucht hat sie gefügig gemacht, die Schergen der Tabakmafia. 

Volksverdummung im BVGG-Forum, befeuert mit Uraltpropaganda der Tabakindustrie

Der Webmaster des BVGG „Bundesvereins für Genuss und Gastronomie“, der im Forum dieses höchst dubiosen Vereins als Einpeitscher die Qualmer bei Laune hält, glänzt dort unter Anderem mit Behauptungen, Passivrauchen wäre weniger schädlich als der Verzehr von Vollmilch oder Fleisch. Die „Studien“, auf die er sich dabei bezieht, gibt er jedoch nicht Preis. Woher diese Zahlen stammen, verschweigt er geflissentlich. Wir haben nachgeforscht und herausfegunden, dass diese Nonsensestudien schon 1996  vom Tabakgiganten Philipp Morris in Auftrag gegeben wurden, um die wahre Schädlichkeit des Passivrauchens zu vertuschen. Philipp Morris startete damals eine widerliche Anzeigenkampagne in Printmedien, in der die Volksverdummung durch die Tabakindustrie ihren Höhepunkt erreichte.

In einer Pressemitteilung vom 11. Juli 1996 nimmt das Robert Koch-Institut (früher Teil des Bundesgesundheitsamtes) zur Anzeigenkampagne des Tabakkonzerns Philip Morris zum Gesundheitsrisiko des Passivrauchens .

Das Robert Koch-Institut warnte davor, die Gefahren des Passivrauchens zu unterschätzen. Auch wer selbst nicht raucht, hat bei regelmäßigem Einatmen des sogenannten Nebenstromrauches ein erhöhtes Risiko, Herzkrankheiten oder Lungenkrebs zu bekommen. So hat die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA Tabakrauch in der Innenraumluft als krebserregenden Stoff der (höchsten) Gruppe A eingestuft; das bedeutet, dass die EPA einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs für belegt hält. Das Passivrauchen ist in Deutschland die häufigste Form von Luftverschmutzung in Innenräumen und betrifft etwa ein Drittel der Erwachsenen und jedes zweite Kind.

Seit einigen Wochen erscheinen in deutschen Zeitung und Zeitschriften Anzeigen, in denen suggeriert wird, das Gesundheitsrisiko durch Passivrauchen sei nicht höher, als wenn man Vollmilch oder gechlortes Leitungswasser trinkt, Kekse isst, sein Essen mit viel Pfeffer würzt oder sich von Fleisch ernährt. Als „Beweis“ werden wissenschaftliche Studien zitiert, die für diese Verzehrgewohnheiten ein ähnliches oder sogar höheres Gesundheitsrisiko als für Passivrauchen ausweisen.

Diese Argumentation ist grob irreführend. So liegen für fast alle der aufgeführten „Vergleichsrisiken“ nur einzelne Untersuchungsergebnisse vor, was für eine echte Beurteilung des Risikos nicht ausreicht. Dagegen hat die EPA für ihre Bewertung des Passivrauchens die Ergebnisse von insgesamt 150 Studien herangezogen, davon allein 30 zum Lungenkrebs.

Wichtige Ergebnisse, die die Studienergebnisse beeinflussen können, wurden von der EPA mit einbezogen, in den zum Vergleich angeführten Studien aber entweder überhaupt nicht berücksichtigt oder in den Anzeigen unterschlagen. Ein Beispiel: In einer Studie wurde untersucht, wie sich die Ernährung – vegetarisch oder fleischhaltig -auf das Risiko einer koronaren Herzkrankheit auswirkt. Bei fleischessenden Männern zwischen 35 und 64 Jahren – und nur dieses Zwischenergebnis wird in der Anzeige verwendet – ergab sich ein dreimal höheres Herzinfarktrisiko; allerdings nur, wenn der Einfluss des Rauchens nicht berücksichtigt wurde. Bei Betrachtung von Herzkrankheiten, für die Rauchen einer der wichtigsten Risikofaktoren ist, ist das ein gravierender Fehler. Berücksichtigt man den Einfluss des Rauchens, ergibt sich dann auch ein deutlich niedrigeres, etwa 1,5faches Risiko für Fleischesser. Dies ist in der Studie auch angegeben, wird in den Anzeigen aber ignoriert. Es stellt sich die Frage, wie das Ergebnis aussähe, würden weitere Risikofaktoren für den Herzinfarkt ebenfalls einbezogen. Bei Frauen zeigte die Studie übrigens keinen Unterschied zwischen Fleischkonsumentinnen und Vegetarierinnen.

Die Argumentation, die die gesundheitliche Unbedenklichkeit des Passivrauchens unterstellt, führt zudem Risiken an, die sich schon bei Betrachtung der fraglichen Studien schnell als nicht plausibel erweisen.

Sogar Studienergebnisse, die die Untersucher selbst ausdrücklich als fragwürdig bezeichnen, werden für die Beweisführung herangezogen. Der Zusammenhang zwischen Passivrauchen einerseits, Herzkrankheiten und Lungenkrebs andererseits ist dagegen auch biologisch plausibel.

Das Robert Koch-Institut ist der Auffassung, dass Vergleiche, wie sie in den betreffenden Anzeigen gezogen werden, den Verbraucher in die Irre führen. Dass Passivrauchen ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellt, ist wissenschaftlich belegt – nicht aber etwaige Risiken durch Kekse oder Vollmilch.

Es wird eine Frage der Zeit sein, bis passivrauchgeschädigte Bürgerinnen und Bürger diesen Verein dafür verantwortlich machen, dass auf Grund der Hetze und gezielten Desinformation Raucher zur Missachtung der Rauchverbote angestiftet werden. Dann wird es Klagen hageln, wegen Anstiftung  oder gar Beihilfe zur Körperverletzung. Den Verantwortlichen sei angeraten, sich warm anzuziehen. Denn neben den strafrechtlich relevanten Tatbeständen werden wohl zivielrechtliche Schadensersatzanprüche in nicht unerheblicher Höhe auf die Steigbügelhalter der Tabakmafia zukommen, dass es nur so raucht, aber ohne abgebrannte Fluppe. Dafür wir dann kein Geld mehr übrig sein.

VEBWK – erfundene Mitglieder und der Wandel zur Trinkerlobby

Über eine „Jubelveranstaltung“ des VEBWK und seine „Mitglieder“, die es überhaupt nicht gibt, und über die neueste, im wahrsten Sinne des Wortes – Schnapsidee – der Tabaklobbyisten und Volksverdummer.

Mit einer Maß Freibier und einer Zigarre pro Person köderte der VEBWK, der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur, im Münchner Löwenbräukeller zu einer sogenannten Jubel-, Appel- und Protestveranstaltung . Mit angeblichen 84.000 Mitgliedern behauptet der VEBWK von sich, nach dem ADAC und dem FC Bayern der „drittgrößte Verein Bayerns“ zu sein. Nachdem etwa 250 militante Hardcorequalmer diesem Aufruf folgten und an der Hetzveranstaltung gegen den Nichtraucherschutz teilnahmen, dürfte nun auch dem naivsten Bayern klar sein, das dieser Verein von Tabaklobbyisten nie und nimmer 84.000 Mitglieder hat. Die Anzahl der wirklich aktiven Mitglieder, die hinter dem stehen, was dieser Verein sagt und tut, dürfte unter 500 liegen, sonst wäre es wohl kaum erforderlich gewesen, rauchende Bierdimpfel mittels Bestechungsbier und kostenlosen Nikotindrogen zu locken, um überhaupt ein paar dubiose Randexistenzen als Beifallspender für die dreiste Desinformationskampagne zu präsentieren, hinter der letztendlich ein süddeutscher Tabakwarengroßhändler steckt.

Der peinlichste Hauptredner war Nikotindogmatiker Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Chefredaktion des Magazins „Stern“, der keine Gelegenheit auslässt, sich in aller Öffentlichkeit zu blamieren. Er warf mit resserischen Hetzparolen nur so um sich und beging meinungspolitische Trittbrettfahrerei der übelsten Sorte. Seine markigen Sprüche hat der gute Mann anscheinend direkt aus den Strategieabteilungen der Tabakkonzerne diktiert bekommen. Jörges’ meinungspolitische Trittbrettfahrerei, die Ursache des Bayerischen Wahlergebnisses der Landtagswahlen 2008 als Konsequenz des strengen Bayerischen Rauchverbots umzudeuten, ist nichts Neues, denn schon eine Reihe anderer Tabakobbyisten lancierte diese Lüge in diversen Desinformationskampagnen.

Fakt ist, dass der Ausgang der Landtagswahlen mit dem Rauchverbot überhaupt nichts zu tun hat. In der Studie der Bamberger Politikberatungsagentur Pragma, die bei der Winterklausur der CSU-Landtagsfraktion in Wildbad Kreuth vorgelegt wurde, halten drei von vier Wahlberechtigten die Partei für verfilzt. Auch von den eigenen Anhängern sagen dies noch 56 Prozent. Das Rauchverbot hatte bei der Wahlentscheidung am 28. September 2008 so gut wie keine Rolle gespielt, konstatieren die Meinungsforscher. Ein interessantes Detail der Progma-Studie: Eine Mehrheit von 53 Prozent aller Befragten verneinte, dass die CSU die richtigen Lehren aus dem Wahlergebnis gezogen habe. Da darf man gespannt sein, wie wohl die Nichtraucher die Aufweichung des Nichtraucherschutzgesetzes bei den EU-Wahlen honorieren werden, anscheinend arbeitet die CSU im Moment am Ziel 30-X.

Nach dem peinlichen Auftritt von Jörges biederte sich Martin Zeil (FDP), stellvertretender Ministerpräsident Bayerns, den Nikotinsüchtigen mit den altbekannten Argumentationsschema der Tabaklobbyisten an. „Freiheit statt Bevormundung“ sind zwar schöne Worte, aber Zeil muss sich schon fragen lassen, wieso er und Teile seiner Partei die Hauptlügen der Tabakidustrie so vorbehaltlos nachplappern. Wer, wie die FDP, den Nichtraucherschutz am liebsten allein den Wirten und den Rauchern überlassen will, sorgt dafür, dass sich nichts zum Besseren ändern wird. Anstatt inhaltslose Lippenbekenntnisse zum Nichtraucherschutz abzugeben sollte sich Herr Zeil entscheiden, ob er lieber die Argumente der Tabakindustrie vertritt oder besser den Gesundheitsschutz der Bevölkerungsmehrheit in den Vordergrund stellt.

Ein Lichtblick war der Auftritt von Peter Paul Gantzer (SPD), als der Politiker mit Rückgrat die Wahrheit aussprach. Wörtlich sagte Gantzer: „Wir müssen klar stellen, dass alle wissenschaftlichen Untersuchungen, alle, inzwischen zu der Erkenntnis gekommen sind, dass Passivrauch genauso schädlich ist wie das Rauchen selbst. Ganzer, der selbst Raucher ist, hat erkannt, dass im VEBWK einige schon fast als kriminelle Subjekte zu bezeichnende Helfershelfer der Tabaklobby versuchen, durch gezielte Desinformationen Passivrauchen zu verharmlosen. Passivrauchen verursacht die gleichen Krankheiten wie Aktivrauchen, zwar nicht bei so vielen Menschen, da die Rauchdosis im Durchschnitt sehr gereing ist. Aber passiv rauchende Gastronomiebeschäftigte beispielsweise haben ähnlich hohe Risiken, an Lungenkrebs zu erkranken wie ihre rauchenden Gäste. Tabakrauch ist der mit Abstand bedeutendste und gefährlichste vermeidbare Innenraumschadstoff.

Eine Blamage leistete sich Birgit Netzle, Chefin des „Asam Schlössls“. Die militante Raucherwirtin drohte dem Bayerischen Staat, sollte das Rauchverbot so wie geplant beschlossen werden, mit einer bereits bei ihr fertig in der Schublade liegenden Klage beim Verfassungsgericht. Bleibt zu hoffen, dass dieser Schuss erneut nach hinten losgeht. Das Bundesverfassungsgericht sollte dem Gesetzgeber ein umfassendes Rauchverbot, so wie es bereits im Urteil vom 30.Juli 2008 als verfassungsgemäß beurteilt wurde, nahe legen und Ausnahmen komplett streichen.

Der Witz des Tages ist die neueste Kampagne des VEBWK, das „Projekt1Million“. Die Tabaklobbyisten mutieren zu Trinkerlobbyisten und wollen eine Million Unterschriften gegen die Promillegrenze und Alkoholprävention sammeln, obwohl jedem mündigen Bürger bekannt sein sollte, dass Alkohol im Straßenverkehr eine der häufigsten Unfallursachen bei schweren Unfällen ist.

Allein die Zahl der Todesopfer durch Alkohol im Straßenverkehr hat die gleiche Größenordnung wie die Gesamtzahl sämtlicher Opfer aller illegalen Drogen zusammen.

Ein erheblicher Anteil der Gesamtbevölkerung ist im medizinischen Sinne alkoholkrank oder akut suchtgefährdet, oft genug in Kombination mit Nikotinsucht. Ein großer Teil dieser Leute ist im Besitz einer Fahrerlaubnis, bis sie irgendwann am Steuer straffällig werden.

Das “ Projekt 1 Million “ legt nahe zu vermuten, dass der VEBWK möglicht schnell die Million Tote und Invaliden und Verletzte erreichen will, die durch Alkohol im Straßenverkehr verursacht werden.

Da bleibt nur Eines: Wehret den Anfängen.

BVGG – Die neue Volksverdummungskampagne der Tabakindustrie

BVGG – Die Tabakindustrie erfindet ihre Vernebelungsstrategie immer wieder neu

„Bundesverein für Genuss in der Gastronomie“, BVGG nennt sich ein Verein, der von der deutschen Tabakindustrie gegründet und gesponsort wurde. Rainer Göhner, Vorsitzender des Bundesverbands der Zigarrenindustrie, ist Begründer dieses Vereiens.
Darüber hinaus ist Rainer Göhner Geschäftsführer der Arnold André GmbH & Co. KG, die tödliche Tabakprodukte herstellt und vertreibt.
Der BVGG wird wahrscheinlich massgeblich von Mitgliedern der „Zigarrenplattform“ , dem Verband der Deutschen Zigarrenindustrie, finanziert . Die Zigarrenplattform tritt an, die Tradidion der Volksverdummung durch die Tabakindustrie fortzuführen um damit ihre tödlichen Produkte zu verharmlosen, den Tabakkonsum zu fördern und Umsatz und Gewinn zu maximieren.

Die Pseudo-Genuss-Strategie

Die Voklsverdummung der Zigarrenbarone basiert zunächst auf einem alten Rezept der bereits überführten und verurteilten Zigarettenindustrie, das jeder mündige Bürger auf Anhieb durchschauen sollte:

Tabakkonsum wird unter dem Deckmäntelchen eines vermeintlichen Genusses mit dem Image versehen, das genau dem Gegenteil dessen entspricht, was tatsächllich hinter diesen gessundheitsvernichtenden Produkten steckt. Hochtoxischen, tödlichen Produkten soll mit dieser schmierigen Kampagne weiterhin die Gesellschaftsfähigkeit gesichert werden, damit bei den skrupellosen Zigarrenbaronen stetig der Rubel rollt. Dass  allein in Deutschland jedes Jahr ca. 150.000 Menschen an den Folgen des Tabakdrogenkonsums sterben, darunter auch zahlreiche zwangsberauchte Nichtraucher, interessiert diese feinen Herren nicht das Geringste.

Die Tabakindustrie lanciert immer wieder Gerüchte, dass es weniger schädliche Formen des Rauchens gäbe und daß Rauchen ein Genuss wäre . Nachdem die Bezeichnung „Light“ für Tabakprodukte wegen Irreführung verboten wurde, geht die Propaganda nun offensichtlich in Richtung „Genuss“ von Zigarren oder Pfeifenrauchen.

In die gleiche Richtung gehen die Sprüche auf Tabakwerbeplakaten, nach denen die aufgenommene Menge an Teer und Nikotin davon abhängt, wie die Zigarette geraucht wird. Hierdurch soll ebenfalls suggeriert werden, auch Tabakkonsum könnte auf „gesündere“ Weise erfolgen, was natürlich absoluter Unsinn ist.

Fakt ist: Rauchen ist kein Genuss. Rauchen ist in den allermeisten Fällen ein Zwang, eben weil man nikotinsüchtig ist, weil man von der Tabakwerbung zum Rauchen verführt wurde oder weil man dem Gruppenzwang der Süchtigen erliegt . Rauchen ist schädlch. Rauchen tötet den Tabakkonsumenten und die Menschen in seiner Umgebung.

Wie Verharmlosung funktioniert

Die zweite Strategie des BVGG ist die Verharmlosung des Aktiv- und Passivrauchens. Eine Strategie, mit der die Tabakindustrie lange Jahre einen wirksamen Nichtraucherschutz verhinderte. Beispielsweise wird auf der Zigarenplattform der pseudowissenschaftliche Klamauk von Günther Ropohl veröffentlicht. Man findet dort auch Hinweise auf das Netzwerk-Rauchen, Forces Germany, das eng mit der Zigarrenplattform zusammenabeitet und das heute noch die Schundwissenschaften gekaufter Wissenschaftler der Tabakindustrie für bare Münze als „frei Meinung“ verkaufen will, obwohl die Verdummungsstrategie der Tabakindustrie längst entlarvt ist, wie z.B. hier:

( aus: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,388238,00.html)

Mediziner wurden finanziert, kritische Untersuchungen unterdrückt: In ungeahntem Ausmaß habe die Zigarettenbranche, so eine Studie, führende Institutionen des Gesundheitswesens manipuliert.

Er ist einer der ganz Großen in der deutschen Medizin. Fritz Kemper, langjähriger Professor der Universität Münster, gilt international als begnadeter Toxikologe, versierter Berater und renommierter Publizist.

Seine wissenschaftlichen Leistungen und die Mitarbeit in höchsten Medizinergremien belohnte die Bundesärztekammer mit ihrer wertvollsten Auszeichnung, der Paracelsus-Medaille. Der Geehrte habe sich um das deutsche „Gesundheitswesen in hervorragender Weise verdient gemacht“, lobten die Laudatoren. Bundespräsident Johannes Rau verlieh Kemper 2002 das Große Verdienstkreuz mit Stern.

Der emeritierte Professor, mit 78 Jahren immer noch Herausgeber und Präsident verschiedener Fachzeitschriften und Gesellschaften, hätte hochdekoriert seinen Ruhestand genießen können, wenn da nicht Thilo Grüning wäre. Der Berliner Forscher ist Hauptautor einer vergangene Woche im „American Journal of Public Health“ erschienenen Studie über den Einfluss der Tabakindustrie auf die deutsche Medizinerelite.

Und die Autoren lassen Professor Kemper nun in ganz anderem Licht erscheinen: Er sei ein wichtiger Verbündeter der Zigarettenmultis in der Wissenschaftsszene, heißt es. Er habe Hand in Hand mit Firmenmanagern gearbeitet. In einem Jahr habe er laut interner Dokumente 20 000 Dollar vom Reynolds-Konzern kassiert, die er über Aktivitäten deutscher Wissenschaftler und Politiker informiert habe. Man mochte sich: Ein Reynolds-Gesandter habe sich laut der Studie nach einem Besuch beim „lieben Fritz“ ganz „ungeheuer“ für das Essen bedankt.

Kemper kann sich heute nur noch an eine „befristete Beratungsvereinbarung“ mit R. J. Reynolds (Camel) erinnern, in der es „um toxikologische Fragestellungen“ gegangen sei. Er habe nie ein „persönliches Verhältnis zu Firmen der Tabakindustrie“ gehabt und unterstütze zudem alle Bestrebungen, um die Öffentlichkeit über „Schäden des Tabakrauchens“ zu informieren.

Die Kooperation von Medizinern mit „Big Tobacco“ war lange effektiv. Mit „ungeheurem Erfolg“ habe es die Tabakindustrie über Jahrzehnte geschafft, renommierte deutsche Wissenschaftler in großer Zahl zu finden, die in ihren Veröffentlichungen die Beweise für die tödlichen Auswirkungen des Qualmens „manipulieren und verdrehen“, lautet das Resümee der Grüning-Studie.

Mindestens 80 zumeist hochrangige Klinikprofessoren hätten sich „im Würgegriff der Tabakindustrie“ befunden, weil sie Forschungsgelder annahmen. Denn fast immer waren die Zuschüsse an Vorgaben geknüpft, die die Auftraggeber bestimmten – ein Lehrstück für gekaufte Wissenschaft. Internisten, Toxikologen oder Pneumologen, die sich im Hauptberuf um die Heilung von Raucherkrankheiten bemühten, wurden quasi im Nebenjob Teil der Geschäftsstrategie der Zigarettenkonzerne.

Deutschland war nach den USA die wichtigste Operationsbasis der Tabaklobby. Schon 1975 gründete der Verband der Cigarettenindustrie (VDC) den „Forschungsrat Rauchen und Gesundheit“. Als Vorsitzenden gewann der VDC ausgerechnet Dietrich Schmähl, damals ein Direktoriumsmitglied des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Eine absurde Konstruktion: Der Professor stand der wichtigsten deutschen Institution gegen den Rauchertod vor – und war gleichzeitig Verteiler der Tabakgelder. Die Investition lohnte sich für die Lobbyisten: Für den anfangs 14 Mann starken Forschungsrat rekrutierte Schmähl das Who’s who deutscher Klinikprofessoren.

Nach außen hängte sich das Gremium stets den Mantel der wissenschaftlichen Unabhängigkeit um. In Wirklichkeit war der Forschungsrat, wie Grüning nachweist, eine Art Selbstbedienungsladen. In der ersten Schaffensperiode gingen 73 Prozent der 15 Millionen Mark an die eigenen Mitglieder oder an kooperierende Organisationen. Die Industrie hatte alles unter Kontrolle. Der Vorteil des Forschungsrats sei, sagte ein Firmenvertreter in einer vertraulichen Sitzung, dass die Industrie auf alle Forschungsvorhaben und deren Veröffentlichung „eine bedeutsame Einflussnahme ausüben“ könne.

Jene Wissenschaftler, die von der Politik gehört wurden, waren für die Industrie von besonderem Wert. Die Zuwendung zeigte Wirkung: In kaum einem anderen Land werden die Gefahren des Rauchens ähnlich runtergeredet wie in Deutschland. Mit 32,5 Prozent Rauchern in der Gruppe der über 15-Jährigen ist Deutschland weit oben in der EU, bei den Raucherinnen liegt das Land auf einem Spitzenplatz. Die Verharmlosung des Rauchens, sagt Martina Pötschke-Langer, Leiterin des Zentrums für Tabakkontrolle der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Heidelberg, habe dazu beigetragen, dass Deutschlands Anti-Raucher-Strategien im internationalen Vergleich „weit hinterherhinken“.

Die Lobby hat offenbar ganze Arbeit geleistet – das kann Thilo Grüning aufgrund seiner Quellen schlüssig nachweisen. Als Gastforscher am Londoner Institut für Hygiene und Tropenmedizin untersuchte er systematisch firmeninterne Dokumente der Tabakindustrie. Ende der neunziger Jahre hatten sich Multis wie Reynolds verpflichtet, sämtliche Firmenunterlagen zu veröffentlichen, weil sie die Öffentlichkeit über die wahren Risiken des Rauchens getäuscht hatten. Über 40 Millionen Seiten stellten die Unternehmen daraufhin ins Internet (http://legacy.library.ucsf.edu).

Eindrucksvoll ist daraus die Strategie der Konzerne zu erkennen. Weltweit agierten die Firmen nach einer Art vierstufigem Masterplan. Erstens: Sie wollten Wissenschaftler für sich gewinnen; zweitens: Sie wollten sich Gefälligkeitsdienste sichern; drittens: Sie wollten andersdenkende Wissenschaftler in die Isolation drängen; viertens: Sie wollten möglichst viele Arbeiten veröffentlichen, um tabakfeindlichen Studien etwas entgegensetzen zu können.

Dafür machten sie sich die hohe „Glaubwürdigkeit“ der Medizinprofessoren zunutze. Neben der zentralen Vergabe von Forschungsgeldern durch den VDC kooperierten einzelne Tabakfirmen noch separat mit Wissenschaftlern. Nach Firmendokumenten erhielt etwa Hans Marquardt, der damalige Leiter des Instituts für Toxikologie am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, im Jahr 2001 eine Überweisung von 13 816 Dollar von Philip Morris (Marlboro). Wofür Marquardt das Geld bekam, bleibt offen, er war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Klar ist, dass der Wissenschaftler ähnlich wie Kemper als Mitglied eines Wissenschaftskomitees der EU sehr einflussreich war.

Der Tabakkonzern Reynolds wiederum kontaktierte 1975 Helmut Schievelbein, den damaligen Vorstand des Instituts für Klinische Chemie am Deutschen Herzzentrum München, da dieser häufig vom „deutschen Parlament, anderen Wissenschaftlern und Journalisten“ befragt würde.

Die Anbahnungen verliefen nach festem Muster. Anfangs verlangte „Big Tobacco“ Untersuchungen, um die angebliche „Diskriminierung“ des Rauchers in der Gesellschaft bekämpfen zu können. Dann wollte man Ergebnisse, um leichtere Zigaretten besser vermarkten zu können. Schließlich drängelte man die Forscher, die Gefahren des Passivrauchens abzustreiten.

So begab sich auch Helgo Magnussen, ärztlicher Direktor des Krankenhauses Großhansdorf bei Hamburg und eine Koryphäe der Lungenheilkunde, in die Fänge der Zigarettenindustrie. Zwischen 1989 und 1993 erstellte der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie mehrere Studien und stellte dafür, so errechnete Grüning, über 420.000 Mark in Rechnung. Sein Ergebnis, dass zumindest kurzzeitiges Passivrauchen bei Kindern mit Asthma keinerlei gesundheitliche Auswirkung zeige, nutzte die Zigarettenindustrie, um die Gefahr des Mitrauchens zu verharmlosen. Magnussen sagt heute, die Ergebnisse habe er in „hochrangigen Wissenschaftsjournalen publiziert. Dennoch muss mit Fehldeutungen gerechnet werden, sofern eine Forschungsförderung durch die Tabakindustrie erfolgt“.

Wenn Untersuchungen nicht nach Gutdünken interpretiert werden konnten, versuchte die Tabaklobby, sie schlicht verschwinden zu lassen. So fand Grüning in den Unterlagen folgenden Vorgang: Franz Adlkofer, der Organisator der deutschen Tabakforschung, habe seinen Kollegen in den USA versichert, dass eine Studie über Nikotin als Krebsverursacher „verheimlicht“, eine andere Studie „garantiert nicht veröffentlicht“ würde. Im Vorfeld eines Anti-Raucher-Tags der WHO schwächten die Vertreter der Industrie auch schon mal die Rede eines Wissenschaftlers ab. Der Professor, ehemaliger Ordinarius an der Universität Heidelberg, hatte seinen Vortrag zuvor der Tabaklobby zum Korrekturlesen gegeben.

Die Rolle führender deutscher Kliniker sei „schockierend“, sagt die WHO-Vertreterin Pötschke-Langer, „vermutlich würden heute viel weniger Menschen am Tabak sterben, wenn Mediziner die Erkenntnisse über die Folgen des Rauchens ernst genommen hätten“. Doch die Medizinerschaft beginnt erst langsam umzudenken. Erstmals hat Anfang November mit dem Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine deutsche Forschungsstätte einen ethischen Code verabschiedet, nach dem es kein Geld mehr von der Tabakindustrie annehmen darf.

Herbert Remmer, ehemaliger Leiter des Instituts für Toxikologie an der Universität Tübingen, war einer der wenigen, die frühzeitig auf die fatale Wirkung des Industriegeldes hingewiesen hatte. Im Rückblick sei er „dankbar“, dass er niemals Zuschüsse von der Zigarettenindustrie bekommen habe, schrieb der Professor an den Forschungsrat, dadurch habe er sein „Gewissen nicht mit Forschungsgeldern belastet, deren Annahme ich heute bereuen würde“.

Bundesverfassungsgericht urteilt: Absolutes Rauchverbot in Gaststätten verfassungskonform

Verfassungsgericht stärkt Nichtraucherschutz

Das „Kippen der Rauchverbote“, das von den ewig gestrigen und Handlangern der Tabaklobby wie „Rauchen-Bayern“, etc.pp bejubelt wird, ist keines. Das Bundesverfassungsgericht hat de facto gerade eben die ungerechten und somit verfassungswiedrigen Ausnahmen vom generellen Rauchverbot zur Disposition gestellt. Genau das haben viele Experten vorhergesagt. Dem Nichtraucherschutz wird damit der Rücken gestärkt. Damit ist dir Tür für Lösungen wie in Italien, Frankreich Holland, England, Irland, Norwegen, Schweden , Finnland oder große Teile der Schweiz offen.

Verfassungswidrig sind die Ausnahmen einiger Bundesländer, die Einraumkneipen gegenüber Mehrraumlokalen benachteiligten.


Schwere Schäden durch Passivrauchen vom Bundesverfassungsgericht bestätigt

Verfassungsgemäß wäre dagegen ein absolutes Rauchverbot in allen Gaststätten, so das Urteil der Richter. Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts begründet das mit den schweren Schäden, die das Passivrauchen auslösen kann.

In ihrem Urteil zitieren die Verfassungsrichter unter anderem die Studien des Deutschen Krebsforschungszentrums. Andere „wissenschaftliche „Aussagen zur Gefahr des Passivrauchens, wie etwa die des Tabakindustrietoxikologen Scherer wurden vom Bundesverfassungsgericht ins Reich der Märchen verwiesen. Der Gesetzgeber ist laut dem Bundesverfassungsgericht zurecht gegen die schweren Gesundheitsgefahren des Passivrauchens gesetzlich vorgegangen.
Der Schutz der Bevölkerung vor dem Passivrauchen sei ein „überragend wichtiges Gemeinwohlziel“, so die Richter. Deshalb sei auch ein absolutes Rauchverbot in allen öffentlichen Gaststätten verfassungsgemäß.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Chemie statt Mythen: Eine Raucherorganisation beweist, dass Passivrauchen schädlich sein muss

„Chemie statt Mythen“ titelt ein Dokument, mit dem die Unschädlichkeit des Passivrauchens durch eine Raucherorganisation mit dem friedvollen Namen „Forces Germany“ behauptet wird. Ich hab mir dieses „Dokument“ zu Gemüte geführt. Der Autor, ein Chemiker, der gerne unerkannt bleiben will, hat , ohne es zu merken, nachgewiesen, dass Passivrauchen schädlich ist.

Nebenbei bemerkt hat dieser Chemiker einen ausgesprochen einseitigen und polemischen Argumentationsstil, aber das will ich im Weiteren mal außer Acht lassen.

Dass er für etliche Stoffe im Zigarettenrauch angibt, dass diese in viel zu geringer Konzentration enthalten sind, um direkt schädlich zu wirken, nehme ich mal so hin. Ich hätte ohnehin nicht erwartet, dass wirklich jeder einzelne Bestandteil automatisch eine Gefahr darstellt.

Aber zum Beispiel beim Stoff Benzo[a]pyren (BaP) kommt der Autor schon in Erklärungsnöte. Eine Zigarette sondert 80 ng BaP ab, und schon 70 ng pro m³ Luft gelten als höchste zulässige Dosis für den Menschen.

Der Chemiker versucht uns zunächst damit zu beruhigen, dass die zugelassenen BaP-Grenzwerte für Abgas pro m³ (wohlgemerkt pures Abgas, nicht etwa die Außenluft) so hoch liegen wie sie 625 Zigaretten verursachen würden.
Allerdings verrät uns das nichts über die gesundheitlichen Gefahren. Es sagt uns lediglich: Würden wir z.B. in einem luftdichten 1 m³-Fass hausen, das – anstelle mit Luft – mit maximal belastetem Abgas gefüllt ist, dann wüssten wir, dass eine Zigarette den BaP-Wert um 1/625 erhöhen würde. Schön.

Nun nennt uns der Chemiker einige gegrillte (durch Grillen wird Fleisch mit BaP belastet) und geräucherte, und sogar einige nicht-gegrillte Nahrungsmittel, in denen BaP-Werte vorkommen, die teilweise mehreren Dutzend Zigaretten entsprechen.
Allerdings macht er keine Anstalten, die Ungefährlichkeit von gegrilltem Fleisch zu beweisen (die von ihm zitierten Quellen deuten auf das Gegenteil hin), weswegen auch nicht die Ungefährlichkeit von Zigaretten geschlussfolgert werden kann.
(Im Übrigen bezieht sich der Grenzwert von 70 ng auf 1 m³ Luft und auf inhalative Aufnahme, und nicht auf Nahrungsaufnahme)

Mit der Logik hat dieser Chemiker scheinbar so seine Probleme.

Entsprechend unbefriedigend (im Sinne von keinesfalls gesundheitlich entwarnend) ist auch sein Schlusswort im Abschnitt über BaP: Der Chemiker hat folgendes geschrieben:

„Kein Wort von völliger Vermeidung, diese guten Ratschläge [er bezieht sich auf einen „Verbraucherschutztip“ für’s Grillen] setzen es als völlig selbstverständlich voraus, dass wir alle gewohnheitsmäßig krebserregende Giftstoffe aufnehmen und natürlich auch in der Umwelt verteilen, WEIL UNS DAS GENUSS BEREITET!
Machen Raucher etwas anderes?“

Stellt er sich vor, dass ich jetzt erleichtert bin?

Ebenfalls im BaP-Abschnitt behauptete er:

„Tatsächlich wird Luft in Innenräumen jedoch recht rasch ausgetauscht. Nicht einmal eine geballte Meute von Kettenrauchern kann in einem Lokal eine Konzentration schaffen, die von den Berufsgenossenschaften als schädlich bezeichnet wird.“

Er geht dabei von einem Lokal mit 70 m³ Luft aus.
Aus seinen Zahlen folgt demnach, dass 61,25 Zigaretten genügen, um den Grenzwert zu erreichen. Sollte die Luft wirklich so schnell ausgetauscht werden, dass der Grenzwert nie erreicht wird? ich würde mich nicht darauf verlassen.
Außerdem geht er in seinen Beispielen davon aus, dass sich der Rauch immer schön gleichmäßig auf die 70m³ verteilt hat. Damit lässt er außer Acht, dass eine gewisse Zeit vergeht, bis die Stoffe sich gleichmäßig verteilen und die Konzentration entsprechend höher ist, wenn man in unmittelbarer Nähe der Rauchquelle sitzt.

Noch ein Beispiel: N-Nitrosodimethylamin, N-Nitrosodiethanolamin

Im Abschnitt über N-Nitrosodimethylamin, N-Nitrosodiethanolamin nimmt der Chemiker die Menge, die von einer(!) Zigarette emittiert wird, nämlich 2,41 Mikrogramm, und berechnet die Konzentration bei einem Lokal von 70 m³: dies wären 0,0344 Mikrogramm pro Kubikmeter.
Im weiteren Verlauf des Abschnitts greift er immer wieder auf diesen Zahlenwert zurück und versucht die Ungefährlichkeit zu veranschaulichen.
Entscheidendes Zitat: „Werte von 0,1 µg/m³ gelten als ubiquitär und erfordern keine Schutzmassnahmen“

Tja … vielleicht stehe ich ja total auf dem Schlauch, aber in welchem Lokal wird nur eine einzige Zigarette geraucht? Der Chemiker scheint tatsächlich vergessen zu haben, den Wert mit einer entsprechenden Multiplikation zu versehen.
Bei 3 Zigaretten ist der genannte Unbedenklichkeitswert nämlich schon überschritten…

Auch bei einigen anderen Schadstoffen wirkt die Argumentation des Autors sehr – ich möchte mal sagen: „mit heißer Nadel gestrickt“ und macht keinen besonders verlässlichen Eindruck, besonders als es um Nickel oder Polonium geht.

Vollkommen vernachlässigt wird der Fakt, wie sich das Zusammenwirken der einzelnen Schadstoffe des Tabakqualms auf den menschlichen Organismus auswirkt. Abgesehen davon können die toxischen Inhaltsstoffe von Tabakrauch, überlagert mit Giften, denen der Mensch immer wieder zwangsweise ausgesetzt wird, in der Wirkung um ein vielfaches schädlicher sein als die puren Abgase.

Auch der ständige Verweis auf MAK-Werte ist Unsinn, da MAK-Werte für die gesunde erwachsene Bevölkerung gelten, nicht jedoch für Kinder, Schwangere, alte oder durch Krankheiten (z.B.Asthma) geschwächte oder besonders empfindliche Personen. Für diese Personenkreise sind die MAK-Werte immer zu hoch.
Der Erkenntnisgewinn, den ich aus diesem Text gezogen habe, und den jeder, der auch nur ein Minimum an naturwissenschaftlicher Bildung besitzt,ziehen muss, ist letztendlich der, dass Rauchen und Passivrauchen insbesondere aufgrund der beiden oben genannten Stoffe gefährlich ist. Das hat die wissenschaftliche Fachwelt längst nachgewiesen, nur scheint dies einem namenlosen, schwerstnikotinabhängigen Chemiker entgangen zu sein, sonst hätte er sich die Arbeit sparen können.

Für den interessierten Leser empfehle ich sich zur Toxikologie des Passivrauchens ein eigenes Bild zu machen.

In der Passivrauch-Metastudie der obersten amerikanischen Gesundheitsbehörde sind beispielsweise hunderte Forschungsarbeiten zur Toxikologie des Passivrauchens berücksichtigt.


Ein Zitat daraus:
„The biologic mechanisms reviewed in this chapter underlie a wide range of acute and chronic adverse health effects in infants, children, and adults examined in Chapters 5 through 9. This broadly reaching body of evidence on the toxicology of secondhand smoke and on these biologic mechanisms indicates that any exposure to secondhand smoke will increase risk for adverse health outcomes.“

Sinngemäß übersetzt:

Die in diesem Kapiel geprüften biologischen Mechanismen sind die Grundlage für das breite Spektrum akuter und chronischer Gesundheitsbeeinträchtigungen bei Säuglingen, Kindern, und Erwachsenen, welche in den Kapiteln 5 bis 9 untersucht wurden.
Dieser grundlegende Beweis für die Toxikologie und die biologischen Mechanismen des Passivrauchens zeigt, dass jede Passivrauchexposition das Risiko für Gesundheitsbeeinträchtigungen erhöht.